Netzwerktreffen: Umwege, Auswege, Sackgassen?
Karriereverläufe von Gelehrten um 1700

Forschungsbibliothek Gotha/ Februar 14, 2022

Veranstalter: Forschungsbibliothek Gotha
Veranstaltungsort: Forschungszentrum Gotha, Vortragssaal

Leitung: Dr. cand. Jacob Schilling

Zeit: 28. April 2022; 9:00 – 16:00 Uhr
Bitte Anmeldung bis zum 18. März 2022

Das Netzwerktreffen fokussiert Brüche in den Biographien von gelehrten Politikern oder politisch aktiven Gelehrten in der Frühen Neuzeit. Die Forschung hat zuletzt mit quantitativen Methoden deren Karrieremuster in der Frühen Neuzeit offengelegt.1Professorale Karrieremuster der Frühen Neuzeit, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, https://www.hab.de/professorale-karrieremuster-der-fruehen-neuzeit Das Treffen soll dagegen laufende oder kürzlich abgeschlossene Forschungsvorhaben aus dem Bereich der Wissensgeschichte zusammenführen, die am Einzelfall die Gründe für solche Karriereverläufe untersuchen und zugleich die biographischen, habituellen, aber auch ökonomischen Implikationen eines solchen Lebenseinschnittes betrachten.

Brief von Wilhelm Ernst Tentzel an Veit Ludwig von Seckendorff, Gotha, 27.05.1690, LATh-StA Altenburg, Familienarchiv von Seckendorff, Nr. 1068, Bl. 150

Zu Beginn des Treffens soll am Beispiel Veit Ludwig von Seckendorffs (1626 – 1692) in das Thema eingeführt werden. Seckendorff hat sich in den Vorworten seiner Bücher vielfach zum spannungsvollen Verhältnis von Hof- und Staatsdienst einerseits und gelehrter Beschäftigung anderseits geäußert. Ein Blick in seine Korrespondenz offenbart bei ihm und einigen seiner Kollegen ein Streben nach Rückzug aus dem politischen Tagesgeschäft, um sich endlich gelehrtem – vor allem aber – selbstbestimmtem Tun zuzuwenden. Otto Brunner („Adeliges Landleben und Europäischer Geist“) sah im Beispiel Seckendorffs einen Akt der Widerständigkeit des nichtdomestizierten Adels, der sich im Rückzug auf eine gelehrte Existenz der Integration in den Staat entzieht. Einige Quellenbeispiele aus dieser Korrespondenz Seckendorffs sollen auf dem Treffen vorgestellt werden. Ausgehend von Seckendorff sollen vergleichbare, aber auch anders facettierte oder sogar kontrastierende Beispiele vorgestellt werden.

Dabei stehen drei Perspektiven im Mittelpunkt. Zum einen soll es um mögliche Gründe für solche Brüche in den Karriereverläufen gehen. Zugleich soll dabei auch betrachtet werden, wie und ob ein solcher Rollenwechsel reflektiert und gegebenenfalls symbolisch und kommunikativ repräsentiert wird: Als Befreiung von höfischen Zwängen; als Chance, Gelehrsamkeit zum Beruf zu machen; Gelehrsamkeit als letzter Ausweg; oder gar als Hinwendung zu Politik und Hof. Im katholischen Bereich kommt eine Karriere als Geistlicher dazu, die aus verschiedenen Gründen nicht gelingt und daher zu einer Umorientierung zwingt.

Zum anderen soll im Rahmen des Workshops analysiert werden, wie das Verhältnis zwischen politisch/staatlicher und gelehrt/privater Sphäre ausgehandelt wird. Am Beispiel Seckendorffs lassen sich auf der praktischen Ebene sehr gut die begrenzenden, aber eben auch begünstigenden Chancen von Hofnähe illustrieren. Durch das Bemühen um Patronage sowie praktische Erfordernisse wie etwa der Zugang zu Archiven werden die Gegensätze zwischen Hof und gelehrter Praxis vielfach wieder aufgeweicht.

Damit ist zum dritten der (wissens-)ökonomische Aspekt von Karrieren angesprochen. Seckendorff war in der privilegierten Position, die Bedingungen seines Ausscheidens aus dem Dienst selbst bestimmen zu können. Nicht jeder kann den Verlust einer Pfründe, einer Professur oder eines Hofamtes gleichermaßen kompensieren.

Das Netzwerktreffen soll anhand dieses Fragenkatalogs laufende Forschungsarbeiten zur Wissensgeschichte der Frühen Neuzeit zur Diskussion stellen und zum komparatistischen Austausch über wissensökonomische und praxeologische Ansätze auf diesem Gebiet anregen.

Zugleich ist das Treffen eine Vorbereitung auf die interdisziplinäre Tagung „Veit Ludwig von Seckendorff. Politik, Gelehrsamkeit und Adel im 17. Jahrhundert“ vom 01. bis 03. März 2023.

Nach der Mittagspause ist eine Vorstellung von Korrespondenzen und Lebenszeugnissen Seckendorffs in den Räumen der Bibliothek vorgesehen.

Pro Beitrag sind 30 Minuten Redezeit und 30 Minuten Diskussion vorgesehen.

Interessierte sind zur Diskussion herzlich eingeladen. Da die Teilnehmerzahl pandemiebedingt auf 25 Personen begrenzt ist, wird im Hinblick auf die Corona-Maßnahmen der Universität Erfurt um Anmeldung gebeten.

Kontakt: Jacob Schilling (Forschungsbibliothek Gotha), wissenschaftlicher Bearbeiter des Projekts “Erschließung der Korrespondenz und der Lebenszeugnisse Veit Ludwig von Seckendorffs”

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