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Kanons für die Manteltasche: musikalische Stammbucheinträge




Stammbücher sind persönliche Erinnerungsbücher. Sie bezeugen Begegnungen des Stammbuchhalters mit Zeitgenossen, die sich aus freundschaftlicher Zuneigung oder auch nur aus Gefälligkeit zum Andenken eingeschrieben haben. Die Stammbuchsitte geht auf das Sammeln von Reformatoren-Autographen in gedruckten Büchern an der Universität Wittenberg seit der Mitte des 16. Jahrhunderts zurück und verbreitete sich rasch bis in die Niederlande und die Schweiz. Der Stammbucheintrag wurde zu einem Freundschaftsritual unter Gebildeten, das Adelige auf ihrer Kavalierstour, Studenten und Gelehrte auf einer Bildungsreise pflegten. Sentenzen oder persönliche Devisen entnahmen die Eintragenden häufig dem Kanon antiker Autoren. Sie waren der verbindende humanistische Hintergrund in den Freundschaftsbüchern, Philotheken oder Alba amicorum.




Abb. 1: Gemaltes Portrait von Sethus Calvisius d.Ä. im Stammbuch von dessen Sohn Sethus Calvisius d.J. FB Gotha, Chart. B 1003, fol. 1v.


Oft stehen ein Wahlspruch und eine Freundschaftsformel vor Ort, Datum und Unterschrift. Hinzu kamen illustrierend Wappen und Sinnbilder. Neben Bibelzitaten und Sprichworten wurde auch notierte Musik – häufig Rätselkanons – eingetragen. Mit einem Rätselkanon gab der Einschreibende dem Stammbuchhalter eine harte musikalische Nuss zu knacken und stellte dessen musiktheoretische Kenntnisse auf die Probe. Der so Bedachte musste beispielsweise die Kanonart bestimmen, Einsätze herausfinden, Stimmen ableiten oder diese richtig transponieren, um einen funktionierenden Kanon zu erhalten. Musikalische Stammbucheinträge sind eigenhändig vorgenommen und namentlich unterschrieben. Damit sind sie auch für die Identifizierung von Musikautographen von Bedeutung.


Zwei Stammbücher aus der über 100 Bände zählenden Gothaer Stammbuchsammlung sind in der Ausstellung „Bücher bewegen“ zu sehen. In diesem Blogbeitrag werden sie an anderer Stelle aufgeschlagen, denn beide Stammbücher sind musikgeschichtlich verwoben. Zu den bedeutendsten Stammbüchern der Forschungsbibliothek Gotha gehört das Album des Quedlinburger Pfarrers Sethus Calvisius d.J. (1606–1663) mit der Signatur Chart. B 1003. Er war der Sohn des gleichnamigen, berühmten Leipziger Thomaskantors und Gelehrten Sethus Calvisius d.Ä. (1556–1615), dessen gemaltes Portrait im Stammbuch enthalten ist (Abb. 1).




Abb. 2: Stammbucheintrag von Johann Hermann Schein für Sethus Calvisius d.J., Leipzig, 15. September 1630. FB Gotha, Chart. B 1003, fol. 161r.


Die verwandtschaftliche Beziehung spielte sicher eine Rolle für etliche Einträge prominenter mitteldeutscher Komponisten. So trug sich Johann Hermann Schein (1586–1630), der Amtsnachfolger von Calvisius' Vater an St. Thomas, in dieses Stammbuch mit einem Kanon ein und würdigte dabei die Verdienste seines Vorgängers (Abb. 2). Der Dresdener Hofkapellmeister Heinrich Schütz (1585–1672) weilte im Gefolge des sächsischen Kurfürsten anlässlich des Fürstenkonvents in Leipzig, als er sich am 21. März 1631 einschrieb, enthielt sich aber eines Notentexts. Von Tobias Michael (1592–1657), Sohn des flämischen Komponisten und früheren Dresdener Hofkapellmeisters Rogier Michael, hatte Calvisius schon 1630 einen vierstimmigen Rätselkanon erhalten (Abb. 3).




Abb. 3: Stammbucheintrag von Tobias Michael für Sethus Calvisius d.J., Nordgermersleben, 2. August 1630. FB Gotha, Chart. B 1003, fol. 200v–201r.


Tobias Michael war seit 1619 Kapellmeister am Hof des Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen. In Sondershausen erlebte er die Zerstörung seiner Wirkungsstätte, der neuen Stadtkirche mit ihrer wertvollen Orgel im Stadtbrand von 1621, und die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges.




Abb. 4: Stammbucheintrag von Tobias Michael für Johann Benedikt Carpzov II., Leipzig, 11. Oktober 1655. FB Gotha, Chart. B 1006.


Im Jahr 1631 trat Tobias Michael die Nachfolge von Johann Hermann Schein im Leipziger Thomaskantorat an. 25 Jahre später schrieb er sich mit einem zweistimmigen Rätselkanon in das Stammbuch des jungen Leipziger Orientalisten und Theologen Johann Benedikt Carpzov II. (1639–1699) ein (Chart. B 1006; Abb. 4).
Carpzovs Stammbuch füllte sich während seiner Studienzeit und Bildungsreise in Basel, Straßburg, Jena, Leipzig und anderen Orten zwischen 1655 und 1659. Unter Carpzovs Kommilitonen an der Universität Jena war auch der Thüringer Adelige Gideon von Wangenheim (gest. 1693). Seinen Stammbucheintrag für Carpzov vom 6. September 1656 illustrierte er auf Pergament mit dem Ort theologischer Sehnsucht (Abb. 5): Das glückliche Reiseziel von Wangenheim und Carpzov, beide orientalisch gekleidet, ist das Heilige Land mit der Stadt Jerusalem.




Abb. 5: Stammbucheintrag von Gideon von Wangenheim für Johann Benedikt Carpzov II., Jena, 6. September 1656. FB Gotha, Chart. B 1006, fol. 170v–171r.


Dietrich Hakelberg



Literatur



  • Geier, Martin: Köstliches Aqua vitae Oder Lebens-Wasser : aus Joh. 4/ 13. 14. ... Betrachtet bey Christlicher Leichenbestattung Des ... Herrn Tobiae Michaelis/ Weitberühmten Musici und bey dieser Stadt Leipzig wohlverordneten Directoris Chori Musici. Leipzig 1657. doi: 10.25673/opendata2-30931

  • Ludwig, Walther: Stammbücher vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Kontinuität und Verbreitung des Humanismus. Hildesheim u.a. 2012.

  • Kurras, Lotte: Zu gutem Gedenken. Kulturhistorische Miniaturen aus Stammbüchern des Germanischen Nationalmuseums 1570–1770. München 1987.

  • Maul, Michael: „Musica noster Amor“ – Musikereinträge im Stammbuch von Sethus Calvisius d. J., in: Schütz-Jahrbuch 32 (2010), S. 149–155. doi: 10.13141/sjb.v2010574

  • Michel, Stefan: Hebraistische Studien in Leipzig am Ende des 17. Jahrhunderts. Beobachtungen zum Alttestamentler Johann Benedikt Carpzov, in: Ders., Eruditio – Confessio – Pietas. Kontinuität und Wandel in der lutherischen Konfessionskultur am Ende des 17. Jahrhunderts. Das Beispiel Johann Benedikt Carpzovs (1639–1699). Leipzig 2009, S. 125–145.


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