Verbotene Liebe?
Das Schicksal eines Liebesbriefes an den Forschungsreisenden Karl Mauch
Am 04. April jährt sich der Todestag des Forschungsreisenden Karl Mauch zum 150. Mal. Im Alter von gerade einmal 37 Jahren ereilte den Afrikaforscher nach einem Fenstersturz im Baden-Württembergischen Blaubeuren ein frühzeitiger Tod. Mauch starb ledig. Er hinterließ weder Nachkommen noch monetäre Reichtümer. Sein schriftlicher Nachlass hingegen ist für die Erforschung transkultureller Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts ein wahrer Schatz. Heute befindet sich Mauchs Hauptnachlass im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, während sich der nun vollständig erschlossene Teil-Nachlass mit Korrespondenzen zwischen Mauch, dem Gothaer Chef-Kartographen August Petermann und einer Vielzahl weiterer Akteure im Archiv der Sammlung Perthes in Gotha befindet. In einer unscheinbar wirkenden grauen Archivbox ruht außerdem ein privates Schriftstück, das im Gegensatz zu Mauchs Forschung nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt war.
Ein Schmerz geprüftes Herz
Zwischen Zahlungsbelegen, Koordinaten und geklagtem Leid über allerhand Unannehmlichkeiten, denen der Reisende in Südostafrika ausgesetzt war, liegt ein Fundstück, das Karl Mauch (1837–1875) selbst wohl nie zu Gesicht bekommen hat. Die Rede ist von einem Liebesbrief. Darin heißt es:
Mein liebster, bester Carl!
Entschuldige diese meine paar Zeilen, denn es drängt mich zu sehr, nur wenige Worte, wenn auch leider nicht mündlich, mit dir zu sprechen.
Vielleicht denkst du wohl längst nicht mehr meiner, oder bist du gar böse geworden auf ein Mädchen, das deine Briefe zu beantworten, etwa nicht der Mühe werth fand? Dann liebster Carl! Verzeihe. Vergebens suchte ich nach einem Brieflein, das meine tief geschlagene Wunde narben sollte. Dennoch war es mir unmöglich zu glauben, daß ich mich an dir so täuschte. Erst nach langen 5 Jahren erfuhr ich mit Entsetzen, daß mir deine Briefe unterschlagen wurden, wie viele und wessen Inhalt ist mir noch unbekannt.
Deine Adreße zu bekommen, war mir damals ganz unmöglich. Vergangene Woche, war ich zwei Tage zu Hause auf Besuch, woselbst H. Kohler so teilnehmend sich nach dir sich erkundigen wollte, und mir daher zu diesem Schritte rieth, daher verzeihe.
Daß du so große Pläne führtest, konnte ich arme wohl beim Abschiede nicht denken. 4 Wochen nach deiner Abreise trat ich hieher in Dienst als Kammerjungfr., kam derzeit wohl sehr viel auf Reisen; allein nirgends konnte ich dich finden. Nur meine Gedanken weilen täglich, oft stundenlang bei dir. Gebete mit heißen Tränen für dich erleichtern gar oft mein Schmerz geprüftes Herz, denn niemandem klagte ich noch mein Leid.
Obgleich scheinbar ganz unmöglich, kann ich dennoch den Wunsch, dich nur noch einmal zu sehen, nicht aus meinem Herzen bannen. Wäre es mir doch gegönnt, noch einige Zeilen wenigstens von dir zu bekommen, wie glücklich wäre ich wieder. Säume daher nicht, mich mit Solchen, bei nächster Gelegenheit mich zu erfreuen.
Lebe wohl, theuerster Carl! Ich muss schließen u. empfange tausend Grüße u. Küße von
deiner
dich treu liebenden
Katharina1Alt 1867, Bl. 266–267.
Verfasst wurden die romantischen Zeilen am 19. August 1867 von Katharina Alt,2Die einzige bekannte Fotographie von Katharina Alt kann aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle nicht gezeigt werden und ist zu finden in Molitor 1998, S. 12. einer früheren Liebschaft Mauchs. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Forschungsreisende bereits seit zwei Jahren in der Transvaal Republik in Südostafrika. Da der jungen Frau Mauchs Adresse nicht bekannt war, sie wohl aber durch die umfangreiche Berichterstattung gehört hatte, dass Mauch von August Petermann (1822–1878) unterstützt wurde, schickten Katharina Alt und ihre Schwester Fanny aus Zeil bei Leutkirch den Brief mitsamt einem kurzen Anschreiben mit Bitte um Weiterleitung nach Gotha. Dort liegt der Brief noch heute, da Petermann ihn augenscheinlich nie weitergeleitet hat.
Doch wer war der Mann, an den Katharina Alt noch fünf Jahre nach ihrer letzten gemeinsamen Zeit täglich dachte? Warum ist Karl Mauch im Vergleich zu anderen Forschungsreisenden seiner Zeit heute so unbekannt und weshalb hat Petermann den Liebesbrief nie an Mauch weitervermittelt?
Karl Mauchs Beiträge zur Afrikaforschung des 19. Jahrhunderts
Obwohl August Petermann mit Karl Mauch „die Deutsche Kartographie im Inneren Afrika’s zu Ehren zu bringen“3Petermann 1867, S. 220. hoffte, ist der Schwabe heute beinahe in Vergessenheit geraten. Dies scheint auf den ersten Blick verwunderlich, war Mauch doch bereits 1867 in Südafrika auf Gold und später auf Diamanten gestoßen, bevor er 1871 mit Hilfe eines Großwildjägers, einiger Missionare und weiterer Menschen vor Ort die Ruinen von Simbabwe wiederentdeckt hat.4Petermann 1868, S. 145–148 und Petermann 1872, S. 121–126. Mit dem Auffinden und dem Kartieren von Bodenschätzen und seiner Theorie, dass es sich bei den Ruinen von Simbabwe um das biblische Goldland Ophir von König Salomo handeln könnte, stand Mauch als „Entdecker“ im öffentlichen Interesse. Er bereicherte nicht nur die Kartographie, sondern leistete aufgrund seiner Sammlungen, seiner Zeichnungen der Tier- und Pflanzenwelt Südostafrikas und mit seinen Beobachtungen auch Beiträge zur Geologie, Biologie, Ethnologie und Archäologie.
Zwischen Tatendrang und Tragik
Trotz dieser Erfolgsgeschichte scheint es, als wäre Karl Mauch Zeit seines Lebens von einer gewissen Tragik begleitet worden, gekrönt vom frühzeitigen Tod. Als ältester und unehelich geborener Sohn des gelernten Schreiners Joseph Mauch und Christiane Dorothea Greiner hatte der junge Mauch nach Abschluss der Realschule in Ludwigsburg nicht die finanziellen Mittel für ein Universitätsstudium. Um dennoch die Möglichkeit zu gesellschaftlichem Aufstieg zu erhalten, besuchte er von 1854 bis 1856 auf Wunsch seiner Eltern das Schullehrer-Seminar und wurde Lehramtsgehilfe in Isny im Allgäu.5Sommerlatte 1987, S. 43. Dort lernte Mauch wahrscheinlich Katharina Alt kennen.6Molitor 1998, S. 11. Auf die kurze Tätigkeit im Schuldienst folgte ab 1858 eine Anstellung als Hauslehrer bei einer österreichischen Familie in Drauburg (Dravograd) und später in Marburg (Maribor). Seine unterrichtsfreie Zeit nutzte Mauch zur autodidaktischen Weiterbildung in Sprachen und Naturwissenschaften. Mit Bleistift und Aquarellfarben war er außerdem ein talentierter Zeichner, was ihm bei seiner späteren Forschung zugutekommen sollte (vgl. Abb. 4). Darüber hinaus bereitete sich der junge Schwabe mit alpinen Wanderungen und regelmäßigem Vereinssport körperlich auf seine angestrebte Afrikaexpedition vor.7Sommerlatte 1987, S. 44–45.
Schon früh trug Mauch den Wunsch in sich, Forschungsreisender zu werden. Aufgrund seiner ausgebliebenen akademischen Karriere und den fehlenden finanziellen Voraussetzungen wandte er sich 1863 mit einem Brief an Petermann und schrieb: „Zweck meines Strebens ist der, zur Erweiterung der Kenntnisse geographischer Verhältnisse Afrikas nach Kräften mitzuwirken. Diesen Gedanken verfolge ich seit meinem 15ten Jahre […]“.8Mauch 1863, Bl. 1. Petermann zeigte sich wenig beeindruckt von der Bitte des 26-Jährigen. Er bat Mauch jedoch, ihn zu kontaktieren, falls er seine Pläne verfolgt, da er bereit sei, einen „Bericht von Werth und Interesse“9Petermann 1863, Bl. 3. in seiner Zeitschrift zu publizieren. Mauchs Ehrgeiz, seine Beharrlichkeit und Arbeitsproben in Form von Kartenskizzen überzeugten Petermann schließlich. Um Mauch zu unterstützen, koordinierte der Kartograph von Gotha aus ab Mai 1867 eine europaweite Spendenkampagne. Wie im Brief angedeutet, erfuhr Katharina Alt vermutlich von einem Bekannten oder aus der Zeitung, dass der junge Hilfslehrer aus Isny inzwischen zum Forschungsreisenden avanciert war und mit wenigen Mitteln das weit entfernte Südafrika durchstreifte. So startete sie einen letzten Versuch, um Mauch mit Petermanns Hilfe zu kontaktieren. Die erhoffte Hilfe blieb jedoch aus.
Schicksalsschläge
Es ist zu vermuten, dass August Petermann den Liebesbrief bewusst einbehielt. Andere private Post, wie etwa Briefe von Mauchs Vater oder seinem Bruder Joseph, der später selbst an einer Expedition teilnahm,10Joseph Mauch (1849–1909) wanderte 1866 nach Nordamerika aus und schloss sich als Matrose 1871 der amerikanischen Nordpolexpedition unter der Leitung von Charles Francis Hall an. Siehe Opel 2019. leitete Petermann gewissenhaft an Mauch weiter. Eine Frau mit einem gebrochenen Herzen würde den jungen Forscher gewiss ablenken und möglicherweise sowohl Mauchs als auch meine eigenen Pläne durchkreuzen, könnte sich Petermann gedacht haben. Schließlich hatte der berühmte Kartograph erst vier Monate zuvor mit seinen öffentlichen Geldsammlungen begonnen und setzte große Hoffnungen in Mauch. Wie beschrieben ging der Plan auf und die Zeit und die Mühe, die Petermann in Mauch investiert hatte, zahlten sich wissenschaftlich aus.

Abb. 5: Originalkarte von C. Mauch’s Reisen im Inneren von Süd-Afrika zwischen Potchefstroom und Zambesi 1865-1869, erschienen 1870
1872 kehrte Mauch zurück. Die acht Jahre in Afrika hatten dem Forschungsreisenden körperlich und seelisch zugesetzt. Bei seiner Rückkehr wurde er von Fieber und finanziellen Nöten geplagt. Im Jahr darauf starb sein Vater. Hinzu kam, dass der fehlende Universitätsabschluss für Mauchs akademische Karriere trotz seiner wissenschaftlichen Leistungen immer noch ein Hindernis darstellte.11Sommerlatte 1987, S. 279–284. Mit Ausnahme von 53 Seiten über seine Reisen zwischen 1865 und 1872, die gesammelt als Ergänzungsband von Petermanns Geographischen Mitteilungen erschienen, publizierte Mauch kein eigenes Werk.12Mauch 1874. Nach einer gescheiterten Amerika-Reise mit dem Botaniker Otto Kuntze zog sich Mauch zurück. Er fand in Blaubeuren eine Anstellung als Geognost in einer Zementfabrik, lebte einsam und in einfachen Verhältnissen. 1875 stürzte Mauch in der Nacht vom 26. auf den 27. März unglücklich aus dem Fenster seines Zimmers im Bahnhofsgebäude und verstarb einige Tage später in einem Krankenhaus in Stuttgart.13Molitor 1998, S. 4; Sommerlatte 1987, S. 289–292. Welche Wendung hätte Mauchs Leben wohl genommen, wenn Petermann den Kontakt zu Katharina Alt ermöglicht und die beiden geheiratet hätten?
Nele Tschuschke
Nele Tschuschke studiert an der Universität Erfurt im Studiengang Sammlungsbezogene Wissens- und Kulturgeschichte. Im Rahmen eines Praktikums hat sie den in der Sammlung Perthes überlieferten Arbeitsnachlass von Karl Mauch erschlossen.
Quellen
- Karl Mauch: Brief an August Petermann, 07.08.1863. FB Gotha, SPA ARCH PGM 106a, Bl. 1.
- August Petermann: Brief an Karl Mauch, 10.08.1863. FB Gotha, SPA ARCH PGM 106a, Bl. 3.
- Fanny Alt: Brief an August Petermann, 19.08.1867. FB Gotha, SPA ARCH PGM 106b, Bl. 264–265.
- Katharina Alt: Brief an Karl Mauch, 19.08.1867. FB Gotha, SPA ARCH PGM 106b, Bl. 266–267.
- August Petermann: Zwei Deutsche geographische Unternehmungen: die Expedition von Gerhard Rohlfs im Inneren von Nord-Afrika, und diejenige von Carl Mauch im Inneren von Süd-Afrika, in: Mittheilungen aus Justus Perthes‘ Geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie 13 (1867), S. 217–224.
- August Petermann: Karl Mauchs Reisen und seine Entdeckung von Goldfeldern in Süd-Afrika, Aufnahme und Kartirung der Transvaal-Republik, in: Mittheilungen aus Justus Perthes‘ Geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie 14 (1868), S. 145–148.
- August Petermann: Carl Mauch’s Entdeckungen der Ruinen von Zimbaoe, 5. September 1871, in: Mittheilungen aus Justus Perthes‘ Geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie 18 (1872), S. 121–126.
- Karl Mauch: Carl Mauch’s Reisen im Inneren von Süd-Afrika 1865-1872, in: August Petermann (Hrsg.): Ergänzungsheft VIII, Nr. 37 zu Petermann’s Geographischen Mitteilungen. Gotha 1874. FB Gotha, SPA 4° 00986 (037).
Literatur
- Herbert W. A. Sommerlatte: Gold und Ruinen in Zimbabwe: aus Tagebüchern und Berichten des Schwaben Karl Mauch (1837-1875). Gütersloh 1987. FB Gotha, SPB 8° 4180.00524.
- Stephan Molitor: Karl Mauch (1837-1875): von Bulawayo nach Blaubeuren. Blaubeuren 1998.
- Wolfgang Opel: „Ein Schwabe reist zum Nordpol: Joseph B. Mauch“, in: Trimaris. 21.10.2019. URL: https://www.trimaris.de/2019/10/21/ein-schwabe-reist-zum-nordpol-joseph-b-mauch/ (letzter Zugriff: 20. März 2025).
Abbildungsnachweis
- Portrait von Karl Mauch, aus: Globus 1875. FB Gotha, SPZ 4° 01055 (27).
- Katharina Alts Liebesbrief an Karl Mauch, Zeil, 19.08.1867. FB Gotha, SPA ARCH PGM 106b, Bl. 266.
- Katharina Alts Liebesbrief an Karl Mauch, Zeil, 19.08.1867. FB Gotha, SPA ARCH PGM 106b, Bl. 267.
- Karl Mauchs Zeichnung der Ruinen von Simbabwe, 1871. FB Gotha, SPA ARCH PGM 106g.
- Originalkarte von C. Mauch’s Reisen im Inneren von Süd-Afrika zwischen Potchefstroom und Zambesi 1865-1869. FB Gotha SPA 4° 00100 (016), erschienen 1870, URL https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00013650 (letzter Zugriff: 24. März 2025).