Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 2

Forschungsbibliothek Gotha/ April 1, 2020

Kurd Lasswitz, Jorge Luis Borges und die Idee einer unendlichen Bibliothek

„Ich halte die Lektüre für eine der Formen der Glückseligkeit …“ (J.L. Borges)

Bibliotheken sind die klassischen Bewahrer von Wissen. Doch enthalten sie jemals alles mögliche Wissen? Wohl kaum. Doch wäre es nicht vorstellbar, eine Universalbibliothek einzurichten, die alle jemals geschriebenen und noch zu schreibenden, also überhaupt alle möglichen Bücher in ihrer Totalität zusammenzuführen, d.h. alles jemals Gedachte und noch zu Denkende in einer Bibliothek verfügbar zu machen und zu halten? Mit dieser fixen Idee hat der deutsche Pädagoge und Schriftsteller Kurd Laßwitz (1848–1910), der seit 1876 am Gothaer Gymnasium Ernestinum wirkte und noch heute als Science Fiction-Autor bekannt ist, die Mittwochsgesellschaft in der Residenzstadt an 14. Dezember 1904 vermutlich gut unterhalten.

Porträt von Kurd Laßwitz. © Gemeinfrei

Dass es sich um eine „Zahlenplauderei“ handelt, hat Laßwitz in der Überschrift seines Satzmanuskripts deutlich gemacht, das sich wie sein gesamter Nachlass heute in der Forschungsbibliothek Gotha befindet (FB Gotha, Chart. B 1964b). Doch worum geht es genau bei dieser Idee?
Die Universalbibliothek enthält in ihren Büchern jede mögliche Anordnung des lateinischen Alphabets, der Ziffern 0 bis 9, weiterer Interpunktions- und Sonderzeichen sowie fremdsprachlicher Laute, insgesamt ca. 100 Zeichen. Beträgt der Umfang eines durchschnittlichen Buches 500 Seiten, wobei jede Seite etwa 40 Zeilen mit 50 Buchstaben in beliebiger Anordnung enthält, dann ergibt das eine Million Zeichen je Band. Versucht man nun die Gesamtzahl aller Bücher zu ermitteln, die jemals geschrieben worden sind oder in Zukunft geschrieben werden können, so kommt man auf die unvorstellbare, gleichwohl nicht unendliche Zahl von 102.000.000 (gerundet) Bänden. So errechnet es jedenfalls Prof. Wallhausen, der Wortführer eines fiktiven Gesprächs in kleiner Runde. Allerdings weist er sogleich auf ein großes Problem hin: Wir erhalten eine Bibliothek, die zwar alles enthält, aber das meiste davon ist für uns Leserinnen und Leser vollkommen sinn- und nutzlos, weil es nur Buchstabensalat enthält. Was will man mit einer solchen Bibliothek, die noch dazu große Teile des nahezu unendlichen Universums ausfüllen würde? Die Pointe dieser fixen, zwar logisch möglichen, aber sinnlich nicht fassbaren Idee besteht daher aus Sicht des Professors darin: „Nicht in der Universalbibliothek müssen wir suchen, sondern den Band, dessen wir bedürfen, uns selbst herstellen in dauernder ernster ehrlicher Arbeit.“ Dazu hat Laßwitz selbst beigetragen, indem er eine Reihe von klugen und lesbaren Büchern verfasst hat. Übrigens wurde diese Erzählung bereits am 18. Dezember 1904 in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (Breslau) veröffentlicht. Die Forschungsbibliothek Gotha bewahrt den Erstdruck von 1907.

Porträt von Jorges Luis Borges. © Gemeinfrei

Auch wenn Laßwitz die implizite Unsinnigkeit einer Universalbibliothek bereits aufgewiesen hat, so findet diese Idee bis heute begeisterte Nachahmer. Einer der prominentesten Verfechter war der Schriftsteller, Bibliothekar und Bibliophile Jorge Luis Borges (1899–1986). Er hat den Gedanken einer totalen Bibliothek in seiner Kurzgeschichte „Die Bibliothek von Babel“ (1941) auf ganz ähnliche Weise umgesetzt. Allerdings wusste auch er, dass diese fixe Idee unmöglich und sinnlos ist. Gleichwohl hat sie eine lange Geschichte, die Borges bereits zwei Jahre zuvor in seinem Essay „Die totale Bibliothek“ (1939) erzählt hat. Er führte sie auf die griechischen Philosophen und Atomisten Demokrit und Leukipp zurück. Über weitere Gelehrte wie den römischen Philosophen, Rhetor und Staatsmann Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.), den französischen Philosophen und Mathematiker Blaise Pascal (1623–1662) und den deutschen Mediziner, Physiker und Naturphilosophen Gustav Theodor Fechner (1801–1887) gelangte Borges auch zu Laßwitz. Wie man sieht, hilft Belesenheit, um Ideen richtig einordnen zu können. Die Visualisierung dieser Universalbibliothek, nämlich ungefähr die von Laßwitz geschätzten Bände, wie kluge Mathematiker wie Henning Lobin errechnet haben, kann man sich auf der Web-Seite libraryofbabel anschauen, die Jonathan Basile vor einiger Zeit gestaltet hat.

Die 1647 begründete Herzogliche Bibliothek in Gotha strebte nie danach, eine solche totale bzw. unendliche Bibliothek zu werden. Gleichwohl haben die Herzöge und Herzoginnen sowie deren Bibliothekare eine immense Sammlung zusammengetragen, die jedenfalls nach menschlichen Maßstäben der Unendlichkeit nahekommt. Niemand wäre in der Lage, alles zu lesen, was sich in ihr befindet. Außerdem wächst sie stetig weiter. Diese universelle Bibliothek mit heute geschätzten 720.000 Bänden bietet einen mehr als soliden Bestand des abendländischen und auch globalen Wissens.

Es mag hier als Pointe festgehalten werden, dass Laßwitz diese Bibliothek zu schätzen wusste. Im Vorwort des ersten Bandes seines philosophischen Hauptwerks „Geschichte der Atomistik vom Mittelalter bis Newton“ (1890) bedankte er sich insbesondere bei dem „Oberbibliothekar der herzoglichen Bibliothek zu Gotha, Herrn Geheimen Hofrat Dr. [Wilhelm] Pertsch sowie Herrn Bibliothekar Dr. [Karl Ernst] Georges“ (S. VII) für die Unterstützung bei der Bereitstellung der erforderlichen Literatur. Das Manuskript dieses zweibändigen Werkes, das bis heute thematisch unübertroffen ist, befindet sich ebenfalls in der Forschungsbibliothek Gotha (FB Gotha, Chart. B 1976a und b). Hinzu kommen noch zahlreiche Materialien, die von der Forschung noch gar nicht ausgewertet sind. Es gibt also noch einiges in unserer Bibliothek zu entdecken, die Fahrten ins Weite, wenn auch nicht ins Unendliche ermöglicht.

Verfasser: Dr. Sascha Salatowsky, 30.3.20

Ausgewählte Literatur:

Jorge Luis Borges: „Die Bibliothek von Babel“. In: Ders.: Die unendliche Bibliothek. Erzählungen, Essays, Gedichte. Frankfurt am Main 2013, S. 100–109.
Jorge Luis Borges: „Die totale Bibliothek“. In: Ders.: Eine neue Widerlegung der Zeit und 66 andere Essays. Frankfurt am Main 2003, S. 165–169.
Kurd Lasswitz: „Die Universalbibliothek. Eine Zahlenplauderei.“ Satzmanuskript. FB Gotha, Chart. B 1964b, Bl. 245–254.
Kurd Lasswitz: „Die Universalbibliothek“. Erstveröffentlichung in der Einführungsnummer der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (Breslau) vom 18. Dezember 1904.
Nachdrucke in:
Nie und nimmer. Leipzig 1907 (enthält 1. Homchen: Ein Tiermärchen aus der oberen Kreide und 2. Traumkristalle: Neue Märchen.). FB Gotha, Poes. 2623/44.
Die Welt und der Mathematikus. Ausgewählte Dichtungen von Kurd Laßwitz. Hrsg. von W. Litzmann. Leipzig 1924.
Kurd Laßwitz: Traumkristalle. Berlin 1982.
Kurd Laßwitz: Geschichte der Atomistik vom Mittelalter bis Newton. 2 Bde. Satzmanuskript. FB Gotha, Chart. B 1967a und b.

Web:
Jonathan Basile: Library of Babel (https://libraryofbabel.info/, letzter Zugriff: 22.03.2020).
Kurd Lasswitz: Die Universalbibliothek (https://www.helmut-prodinger.at/universalbibliothek.pdf, letzter Zugriff: 23.03.2020)
Henning Lobin: Die (fast) unendliche Bibliothek von Babel digital durchwandern (veröffentlicht am 29.09.2016; https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/bibliothek-von-babel/, letzter Zugriff: 22.03.2020)

 

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