Blumenbergs „Lesbarkeit der Welt“ – ein Plädoyer für Bibliotheken

Forschungsbibliothek Gotha/ Juli 13, 2020

Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 12

Eine Philosophin oder ein Philosoph ohne Bücher ist nicht vorstellbar. Es sei denn, man wäre Diogenes, der bekanntlich in der Tonne lebte. Von Hans Blumenberg (1920-1996), der am 13. Juli 2020 einhundert Jahre alt geworden wäre, ist bekannt, dass er Bücher liebte, dass er ein Buchmensch war, der von morgens bis abends und, wenn es ging, auch nachts las und schrieb. Wie viele Intellektuelle hatte er seine große, viele tausend Titel umfassende Arbeitsbibliothek bei sich zu Hause, die sich nunmehr zu großen Teilen im Deutschen Literaturarchiv in Marbach befindet. Dabei hatte er 1942 bei der Bombardierung Lübecks den Verlust seiner ersten Privatbibliothek schmerzlich erfahren müssen. Bibliotheken, das zeigt sich auch hier, sind Wissens- und Gedächtnisspeicher, auf die Schülerinnen und Schüler, Studierende, Lehrende und Gelehrte nicht verzichten können und wollen.

Blumenberg ging von der richtigen Einsicht aus, dass das Buch seit langem schon in Konkurrenz zu einer technisierten Welt steht, die auf unmittelbare Erfahrung, auf Experimente und Instrumente setzt, nicht auf vermeintlich schal gewordenes Wissen in Büchern. In seinem klugen Buch „Die Lesbarkeit der Welt“ (1981) gibt es einen interessanten Abschnitt, „Bücherwelt und Weltbuch“ überschrieben, in dem er die alte „Arroganz der Bücher“ beschreibt, die den Eindruck erwecken, „hier müsse alles stehen und es sei sinnlos, in der Spanne des ohnehin allzu kurzen Lebens noch einmal hinzusehen und wahrzunehmen, was einmal zur Kenntnis genommen und gebracht worden war.“ (S. 17) Die Arroganz besteht also darin, dass die dicken Folio-Bände, all die voluminösen Werke zur Theologie und Philosophie vor allem aus Mittelalter und Früher Neuzeit, den Eindruck vermitteln, hier stehe alles, um die Welt zu verstehen. Der Rückschlag konnte nicht ausbleiben, den Blumenberg in die folgenden Worte fasst, die jedem Bibliothekar und jeder Bibliothekarin, besonders in historischen Bibliotheken wie der Forschungsbibliothek Gotha, ein wissendes Lächeln ins Gesicht zaubern:

„Dann wird mit einem Mal der Staub auf den Büchern sichtbar. Sie sind alt, stockfleckig, riechen moderig, sind eines vom anderen abgeschrieben, weil sie die Lust genommen haben, in anderem als in Büchern nachzusehen. Die Luft in Bibliotheken ist stickig, der Überdruß, in ihr zu atmen, ein Leben zu verbringen, ist unausbleiblich. Bücher machen kurzsichtig und lahmärschig, ersetzen, was nicht ersetzbar ist. So entsteht aus Stickluft, Halbdunkel, Staub und Kurzsichtigkeit, aus der Unterwerfung unter die Surrogatfunktion, die Bücherwelt als Unnatur.“ (S. 17)

Allerdings war Blumenberg viel zu belesen, um sich diese Ansicht zu eigen zu machen. Er wusste nur zu gut, dass selbst der Protest gegen Bücher in Büchern formuliert wird, dass die Natur außerhalb des Buches gleichfalls in Büchern beschrieben wird, so dass man dem Buch als Medium des Wissens gar nicht entkommen kann. Und das ist auch gut so.

Blumenberg hat ferner auf den interessanten Sachverhalt hingewiesen, dass selbst die Naturwissenschaften im „Buch der Natur“ (liber naturae) „lesen“, dass sie Metaphern wie Entwicklung, Dechiffrierung und Decodierung verwenden, um z.B. in Biologie und Genetik die letzten Geheimnisse des Lebens zu „entdecken“. Blumenberg erzählt diese Geschichte von der gelingenden und viel öfter nicht gelingenden Lesbarkeit der Welt von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Und bei der Lektüre drängt sich ein Gedanke immer wieder auf: Das Buch prägt das Denken bis heute, Bibliotheken prägen das Denken bis heute. Sie sammeln, bewahren und bieten Bücher an, die lange erdacht und durchdacht worden sind, die keine Schnellschüsse sind, sondern im Wissen um die Kompetenz der Leserin und des Lesers verfasst worden sind.

Blumenberg ließ sein großartiges Buch mit einem Gedanken enden, dem nichts weiter hinzuzufügen bleibt: „Denkwürdig ist, was Menschen je gedacht haben; es zu lesen, wo es lesbar gemacht werden kann, [ist] ein Akt von ‚Solidarität‘ über die Zeit.“ (S. 409) Diese Lesbarkeit ermöglicht die Bibliothek, die zwar nicht die ganze Welt bietet, aber doch große Teile davon. Besuchen Sie doch einmal wieder die Forschungsbibliothek Gotha! Dort können Sie auch alle Schriften von Hans Blumenberg bestellen und sich zum Lesen ausleihen.

Verfasser: Dr. Sascha Salatowsky, 12. Juli 2020

Literatur:
Hans Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt/Main 1981.

Empfohlene Forschungsliteratur zu Blumenberg:
Franz Josef Wetz und Hermann Timm (Hrsg.): Die Kunst des Überlebens. Nachdenken über Hans Blumenberg. Frankfurt/Main 1999.
Franz Josef Wetz: Hans Blumenberg zur Einführung. Hamburg 2004.
Kurt Flasch: Hans Blumenberg. Philosoph in Deutschland: Die Jahre 1945 bis 1966. Frankfurt/Main 22017.
Rüdiger Zill: Der absolute Leser – Hans Blumenberg. Eine intellektuelle Biographie. Berlin 2020.

Vorschaubild:
© Bildarchiv der Universitätsbibliothek Gießen und des Universitätsarchivs Gießen

 

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