Neue Publikation zu lutherischen Predigten über Herrschaft

Forschungsbibliothek Gotha/ April 14, 2021

In der Reihe „Gothaer Forschungen zur Frühen Neuzeit“ des Franz Steiner Verlags (Stuttgart) ist die Studie „Predigen über Herrschaft. Ordnungsmuster des Politischen in lutherischen Predigten Thüringens/Sachsen im 16. und 17. Jahrhundert“ von Prof. em. Dr. Luise Schorn-Schütte (Berlin) erschienen. Das Buch beleuchtet die Funktion der Predigt als herausragendes Mittel der politisch-theologischen Kommunikation der Pfarrer in der Frühen Neuzeit. Predigten waren zu dieser Zeit im täglichen Leben allgegenwärtig: Mit der Taufpredigt begann das Leben und mit der Leichenpredigt endetet es. Jeden Sonntag und unter der Woche gab es Predigten während des Gottesdienstes, die das ganze Kirchenjahr strukturierten, den Glauben und den Zusammenhalt der Gemeinde prägten und das „Weltbild“ vermittelten. Doch dieses Weltbild war nicht nur religiös geprägt, sondern konnte sehr politisch sein. Hier setzt die Studie von Luise Schorn-Schütte an, die ein neues Licht auf diese Gattung der „politischen Predigten“ wirft.

Die Studie entstand im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Kooperationsprogramms zwischen dem Lehrstuhl neuere allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit an der Goethe Universität Frankfurt/Main und der Forschungsbibliothek Gotha (2009–2015). Die ergiebigen Bestände der Bibliothek ermöglichten die Auswahl von rund 180 gedruckten und 20 ungedruckten Predigten verschiedener Gattungen aus dem Zeitraum zwischen 1550 und 1675 aus dem ernestinischen und albertinischen Sachsen als Kerngebiete der Reformation. Diese Predigten wurden anhand von Schlüsselbegriffen ausgewertet und in einem Thesaurus zusammengeführt. Sie sind zwischenzeitlich online in der Digitalen Historischen Bibliothek Erfurt/Gotha verfügbar. Am Ende dieses erfolgreichen Projekts steht nun die Studie von Luise Schorn-Schütte. Grund genug, das Thema einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Das Interview:

Sascha Salatowsky: Das Luthertum gilt in der allgemeinen Forschung als eine eher konservative Konfession, die die Ständegesellschaft stützte, patriarchalisch-fürsorgende Strukturen ausbildete, sich der Obrigkeit andiente und sich mit offener Kritik an ihr zurückhielt. Gegen diese Einschätzung wenden Sie sich mit Ihrer Studie. Wo sehen Sie den grundsätzlichen politischen Charakter der lutherischen Predigten? Was verrät uns dies über das Selbstbild der Pfarrer?

Luise Schorn-Schütte: Die Kategorie „konservativ“ ist eine je zeitgebundene Kategorie der deutenden Historiker. Das gilt auch für das Bild vom obrigkeitstreuen Luthertum. Die Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat dieses Bild entworfen und gestützt. Der Blick auf die Debatten der frühen Neuzeit und die Konflikte zwischen weltlicher Obrigkeit und lutherischer Geistlichkeit belegen, dass es eine lebhafte Auseinandersetzung um die Inhalte einer „Politik aus der Bibel“ gegeben hat. Auch der „fürsorgende König als Hausvater“ war kein unantastbarer Herrscher, im Gegenteil. Seine Bindung an das Recht, auch an ein von den Theologen postuliertes biblisches Naturrecht bot Anlass genug zur Kritik und zur Mahnung. Das belegen die Predigten deutlich.

Salatowsky: Die Predigt als gesprochenes Wort ist eine Auslegung des schriftlichen Wortes der Bibel. Die enorme Bedeutung der Bibel für die lutherische Kirche, sichtbar am berühmten Prinzip des sola scriptura (die Schrift allein), liegt auf der Hand. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einem „biblischen Resonanzraum“, in dem die Prediger ihre Reden entfalteten. Was verstehen Sie darunter, und inwieweit charakterisiert dies Ihrer Ansicht nach das konfessionelle Zeitalter?

Schorn-Schütte: Alle Predigten stehen in einem zeitgenössischen Entstehungszusammenhang/Kontext, dazu gehören die politischen Zeitbindungen ebenso wie die theologischen Deutungen, die den Predigern aufgrund ihrer theologischen Bildung bekannt waren. Beides zusammen ist von V. Leppin als „Resonanzraum“ bezeichnet worden, der Begriff ist treffend.

Salatowsky: Der erste Teil Ihrer Studie beschäftigt sich mit den lutherischen Pfarrern als Verfassern der Predigten. Was lässt sich über ihre soziale Herkunft sagen? Wie verstanden sie ihre Aufgabe im Blick auf die christliche Gesellschaft und ihre Funktion im Blick auf die Gemeinde vor Ort?

Schorn-Schütte: Die soziale Herkunft hat sich innerhalb der ersten Generationen der Pfarrer verändert. In der ersten „reformatorischen“ Generation gab es noch einige wenige Adlige als Vätergeneration ebenso eine gewisse Nähe zum bäuerlichen Kontext. In der dritten und vierten Generation hat sich das Bild stabilisiert. Die Väter und Schwiegerväter kamen häufig aus dem städtischen Handwerker- und Kaufleutekreis und aus der Führungsgruppe der Städte (Ratsherren, Bürgermeister) sowie der landesherrlichen Verwaltungen (Amtleute, gelehrte Juristen, Universitätsprofessoren), es waren auch in wachsendem Maße die Pfarrhäuser als Herkunftsort. Zusammengenommen kann gesagt werden, dass auch in der hier vorgelegten Regionalstudie das gelehrte und städtische Bürgertum eine dominante Rolle spielte, das Predigtamt wurde in der nachfolgenden Generation häufig zum Aufstiegsort für Juristen, Mediziner, Offiziere. Aufgrund ihrer theologischen Bildung verstanden sie die Aufgabe als seelsorgerliche, also auch als soziale Rolle in der Gemeinde. Ebenso gehörte die Bildung der nachwachsenden Generation zu ihren Aufgaben.

Salatowsky: Sie beschreiben die Predigt als „Spiegel der Herrschaftsordnung“. Dieser diente erstens dazu, den Herrschenden den sprichwörtlichen Spiegel vorzuhalten. Er sollte sie daran erinnern, das (biblische) Naturrecht und die Drei-Stände-Ordnung zu respektieren, d.h. nicht nur im Sinne des politisch-weltlichen Standes (Obrigkeit, Adel) zu wirken, sondern auch den geistlichen Stand (Pfarrer und Theologen) in seiner Unabhängigkeit zu belassen und den häuslichen Stand als größten Teil der Bevölkerung zu achten. Es ging zweitens aber auch darum, die Herrschenden an ein frommes Leben zu erinnern, ethisch einwandfrei zu handeln, sich nicht der „Eitelkeit der Welt“ hinzugeben. Wie sehen Sie hier die Rolle der Pfarrer zwischen eigenem Gewissen, Gehorsam der Obrigkeit gegenüber (im Sinne einer von Gott so eingerichteten Welt) und Widerstand gegen unchristliches Verhalten? Anders gefragt: Wie radikal konnte die Kritik der Pfarrer ausfallen, die sich kaum gegen die Obrigkeit stellen konnten?

Schorn-Schütte: Die Gewissensbindung der Pfarrer entwickelte sich im Laufe der Predigtgeschichte differenziert. Erst im 18. Jahrhundert ist es ein aufgeklärt-individuelles Gewissen, das als Legitimation herangezogen wurde. Aber in der Generation des 16./17. Jahrhunderts wird der Verweis auf das biblische Naturrecht legitimierend verwendet. Darin eingebunden war die Rolle des status ecclesiasticus als gleichberechtigter Mahner in einer ständisch differenzierten Gesellschaft (Drei-Ständeordnung). Jeder Prediger hat natürlich in diesem Rahmen seine eigenen Entscheidungen getroffen, die lutherischen Pfarrer waren keineswegs alle einig in ihrer Obrigkeitskritik. Aber in der hier vorgelegten Regionalstudie gab es einen gemeinsamen Erfahrungshorizont, aus dem heraus Gruppenkritik mit Verweis auf das Recht, einen amtswidrig handelnden Oberherrn zu mahnen, genutzt wurde.

Salatowsky: Welche weiteren Perspektiven sehen Sie für die Forschung?

Schorn-Schütte: Eine wichtige Perspektive liegt im Vergleich: einerseits im konfessionsübergreifenden Vergleich, andererseits im europaweiten Vergleich. Hier ist fast noch alles zu tun.

Hinweis: Die Fragen stellte Dr. Sascha Salatowsky. Sie wurden per E-Mail übersandt und von Prof. em. Dr. Schorn-Schütte schriftlich beantwortet. Wir bedanken uns sehr herzlich bei Frau Schorn-Schütte.

Zur Person:

Luise Schorn-Schütte ist emeritierte Professorin für neuere allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit an der Goethe-Universität Frankfurt/M. Sie ist Mitglied im Akademierat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, im Forschungsrat der Universität Hamburg, im Hochschulrat der Universität Osnabrück sowie im Beirat der Deutsch-polnischen Wissenschaftsstiftung. Von 2004 bis 2010 war sie Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Themenfeldern Religion und Politik in der europäischen Frühen Neuzeit, Europäische Reformationsgeschichte, Sozial- und Konfessionsgeschichte des europäischen Bürgertums, Politische Theorie der Frühen Neuzeit sowie Theorie der Geschichtswissenschaft.

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