Wer war Georg Hönichau von Lilien?
Eine Spurensuche anhand von Buchbesitz im 16. Jahrhundert

/ Juli 26, 2022

Als Begleiter in unser aller Leben sind Bücher Freunde und Ratgeber, Lehrer und Unterhalter, Wissensquelle und Lustbereiter, Trostspender und Hoffnungsgeber. Sie wandern von Besitzer zu Besitzer, werden verschenkt, verliehen und weitergegeben. Mit den Jahren fallen sie in unterschiedliche Hände und entwickeln als Objekte eine ganz eigene Geschichte. Davon zeugen Besitzvermerke wie Autogramme, Exlibris oder Stempel. Diese und weitere Merkmale nutzt die Provenienzforschung, um die individuellen Objektgeschichten alter bzw. historischer Bücher zu rekonstruieren. Dabei werden Spuren gelesen, die die Herkunft der Bücher offenbaren und sie zu einzigartigen Kulturgütern machen. Ein Beispiel der Provenienzforschung an französischen Drucken des 16. und 17. Jahrhunderts der Forschungsbibliothek Gotha, das während eines Praktikums im Masterstudiengang „Sammlungsbezogene Wissens- und Kulturgeschichte“ der Universität Erfurt erarbeitet wurde, erwies sich als besonders interessant. Es weist mehrere Besitzvermerke und führt zu buchhistorischen Fragen, welche erstmals in Teilen beantwortet werden konnten.

Die französische Sprache avancierte damals vor allem in Adelskreisen zu einer „lingua franca“. Sie genoss ein hohes Prestige, wenngleich nicht jeder des Französischen auf gleichem Niveau mächtig war. Die Sprache schuf auf diese Weise eine soziale Distanz und war nur in höfischen Kreisen angebracht. Dementsprechend finden sich im historischen Buchbestand alter Adelsbibliotheken zahlreiche Werke französischer Sprache, die teilweise auch in Französisch annotiert sind. So auch in der Herzoglichen Bibliothek Gotha, in der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Privatbibliotheken von Mitgliedern des herzoglichen Hauses sukzessive aufgegangen sind.

Eine typische Einbandform für das 16. und 17. Jahrhundert sind sogenannte Koperte. Dabei handelt es sich um flexible, oft interimistische Gebrauchseinbände mittelalterlichen Ursprungs. Der Buchblock ist in einem Umschlag aus Leder, Pergament, Textil oder in Kombination aus den drei Materialien eingeschlagen. Die Lagen können auf unterschiedliche Weise geheftet sein und leicht gelöst werden, um ggf. später einen Festeinband zu erhalten.

Abb. 1: Sammelband mit: Robert Estienne: Gallicae Gra[m]matices libellus. Paris: Robert Estienne, 1569 (FB Gotha: Phil 8° 01513/06 (01)). Foto: D. Hakelberg.

In ein solches Kopert ist eine zweisprachige Grammatik von 1569 gebunden (FB Gotha: Phil 8° 01513/06 [01] und [02]). Bei der Grammatik, veröffentlicht durch die berühmte Druckerfamilie Estienne, handelt es sich um eine doppelte Neuauflage der französischen Erstausgabe von 1557. Sie ist unterteilt in den lateinischen „Gallicae Grammatices libellus“ und den französischen „Traicte da la Gramaire Françoise“. Die ursprüngliche französische Fassung von Robert I Estienne (um 1500–1559) wurde durch dessen Schwager Jacques du Puis in das Lateinische übertragen und 1569 in der vorliegenden Doppelausgabe von seinem Sohn Robert II Estienne (um 1530–1571) in Paris überarbeitet und veröffentlicht. Die Druckermarke der Familie Estienne zeigt einen Ölbaum mit abgebrochenen und veredelten Zweigen, auf den eine Gestalt hinweist, sowie die Devise „noli altum sapere“ (sei nicht stolz). Schreiber entschlüsselt dieses Emblem und bezieht es auf das elfte Kapitel des Römerbriefs, in dem der Apostel Paulus die Heidenchristen vor Überheblichkeit warnt. Mit dem Sinnbild der ausgerissenen Zweige (den Ungläubigen) und wilden, dafür eingepfropften Zweigen (den Gläubigen) illustriert Paulus, sich nicht über andere zu erheben, fest zu seinem Glauben zu stehen und demütig gegenüber Gott (der Wurzel) zu sein (Abb. 1).

Der schmale Oktavband von 254 Seiten ist in helles aufgerautes Pergament eingeschlagen. Die etwas verschmutzte Oberfläche erschwert die Lesung des grazilen Besitzvermerks auf dem vorderen Umschlag. Eine Jahreszahl, gefolgt von einem dreiteiligen Namen, zwei Motti und zwei gezeichneten Lilien zieren den Kopf des Umschlags (Abb. 2).

Abb. 2: Besitzvermerk von Georg Hönichau auf dem vorderen Pergamentumschlag des Koperts. FB Gotha: Phil 8° 01513/06. Foto: D. Hakelberg.

Beim ersten Aufschlagen fallen die stehengelassenen weißen Lederstreifen der Bünde auf, sowie zwei weitere handschriftliche Pariser Besitzvermerke auf Spiegel und Titelseite von Juli 1571 und August 1572 (Abb. 1). Die Namenszüge wurden jedoch bis zur Unkenntlichkeit getilgt. Auf dem hinteren Spiegel ist eine handschriftliche Solmisationstabelle notiert, die weiterer musikwissenschaftlicher Erforschung bedarf (Abb. 3). Der Titel trägt den Stempel der Herzoglichen Bibliothek Gotha von 1799. Die Provenienzmerkmale wurden standardisiert mit den Termini des Thesaurus der Provenienzbegriffe (T-PRO) beschrieben und bei der Provenienzerschließung im Verbundkatalog K10plus dem betreffenden Exemplar eindeutig zugeordnet. Nach weiterer intensiver Recherche konnte der Name des Besitzers auf der Umschlagvorderseite entziffert werden. „Georg Hoenichaw Siebenburger“ beschriftete um 1570 das vorliegende Kopert mit seinem Motto „Gott Gibt Gnadt“ und der lateinischen Entsprechung „DEVS PROVIDEBIT“, und ergänzte mit den Zeichnungen zweier französischer Lilien. Doch wer war Georg Hönichau und warum war er im Besitz einer französischen Grammatik?

Abb. 3: Solmisationstabelle auf der hinteren Innenseite des Kopertumschlages. Foto: D. Hakelberg.

Mittels einer Zeichenkettensuche in Google Books kommt man der Person auf die Spur. Ein Aufsatz von Lambert Schulte in „Darstellungen und Quellen zur schlesischen Geschichte“ (S. 64–65) weiß mehr über ihn zu berichten. Georg Hönichau von Lilien weilte im Dienste Königin Elisabeths von Frankreich in Paris, bis zu deren Rückkehr nach Wien 1574 aufgrund des Todes des Königs. In Paris wurde Hönichau vermutlich Zeuge der Bartholomäusnacht (S. 33). Zurück in Wien diente er unter Kaiser Maximilian II. Unter Kaiser Rudolf II. wurde er Sekretär der Schlesischen Kammer und avancierte zum kaiserlichen Rat. Zudem bekleidete er unter Bischof Karl, Erzherzog von Österreich, auch das Amt eines bischöflichen Rates in Breslau. Zu Hönichau findet sich online eine Akte im Österreichischen Staatsarchiv in Wien, aus der hervorgeht, dass Hönichau am 20. Mai 1585 in Prag vom Kaiser in den Adelsstand erhoben wurde, er auch ein Wappen und den Namen “von Lilien” verliehen bekam. Sein persönliches Motto „DEVS PROVIDEBIT“ konnte mit Hilfe von Google Books in der Epigrammsammlung „Epigrammatum centuriæ sex“ von Andreas Calagius, einem kaiserlich-gekrönten Poeten aus Schlesien, aus dem Jahr 1602 aufgefunden und der Zusammenhang mit Hönichau bestätigt werden. Auf Basis dieser individualisierenden Daten- und Faktenlage wurde ein Normdatensatz zur Person des Georg Hönichau in der Gemeinsamen Normdatei (GND) angelegt. Was es mit seinem Beinamen „Siebenburger“ auf sich hat, bleibt vorerst ungeklärt. Möglicherweise stammte die Familie aus Siebenbürgen. Auch auf welchem Weg das Buch in die Herzogliche Bibliothek nach Gotha kam, ist ungewiss.

An die französische Grammatik aus dem Besitz des Georg Hönichau von Lilien knüpft sich eine Besitzgeschichte und eine Biographie. Will man solche Geschichten rekonstruieren und weniger bekannte Personen identifizieren, bietet die Recherche im WWW nie gekannte Möglichkeiten. Trotzdem müssen die von der Maschine ausgeworfenen Informationen von einem Menschen bewertet, Hinweise kombiniert, muss auch nicht online als Volltext verfügbaren Literaturhinweisen weiter nachgegangen werden, um die Identität einer historischen Person eindeutig zu ermitteln. Kein Computer kann diese Recherchearbeit und die Individualisierung einer Person völlig selbständig übernehmen. Alle individualisierenden Informationen müssen „von Hand“ zusammengetragen, geprüft und für die Anlage eines Personen-Normdatensatzes aufbereitet werden. Auf diese Weise werden in kollaborativer Arbeit Personen der Vergangenheit auf Basis von Normdatensätzen wieder auffindbar gemacht. Diese Normsätze können nachgenutzt werden, sie dienen der Auffindbarkeit ein und derselben Person in verschiedenen Sach- und Sammlungszusammenhängen. So bildet sich über die Zeit ein Netz von Informationen über die Vergangenheit, das sich nicht zuletzt durch die Erforschung von Provenienzen zunehmend verdichtet und der historischen Forschung einen wichtigen Nährboden liefert.

Rosa Klingner

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Praktikums im Masterstudiengang „Sammlungsbezogene Wissens- und Kulturgeschichte“ an der Universität Erfurt unter der Betreuung von Dr. D. Hakelberg.

Literatur und Quellen:

  • Calagius, Andreas: Epigrammatum centuriæ sex. Frankfurt an der Oder 1602.
  • Estienne, Robert: Traicté de la grammaire françoise (1557). Édition commentée par Colette Demaizière. Paris 2003.
  • Frank, Karl Friedrich von: s.v. Hoenichaw. In: Standeserhebungen und Gnadenakte für das Deutsche Reich und die Österreichischen Erblande bis 1806 sowie kaiserlich österreichische bis 1823, Bd. 2. Schloss Senftenegg 1970, S. 213.
  • Kramer, Johannes: „Französisch bei Hofe und auf den Höfen“. Zur sozialen Schichtung der Französismen in der deutschen Sprache des 18. Jahrhunderts. In: Berger, Günter (Hg.): Französisch-deutscher Kulturtransfer im Ancien Régime (Cahiers lendemains, Bd.3), Tübingen 2002.
  • Mau-Pieper, Maren: Koperte als Einband bei Gebrauchsschriftgut in Mittelalter und früher Neuzeit. Tübingen, 2005.
  • Müller, A.: Zwei Zeugen der Bartholomäusnacht. In: Jahresbericht des Kunst- und Altertumsvereins Neisse, Bd. 39. Neisse 1936, S. 33.
  • Ruhnke, Martin: Solmisation. In: MGG Online.
  • Schulte, Lambert: Beiträge zur Geschichte von Neiße. In: Darstellungen und Quellen zur schlesischen Geschichte. Bd. 23: Kleine Schriften, Tl. 1. Breslau 1918, S. 53–65.
  • Schreiber, Fred: The Estiennes. An annotated catalogue of 300 highlights of their various presses. New York 1982.
  • Sękowski, Roman: Herbarz szlachty śląskiej. informator genealogiczno-heraldyczny. T.3, H–K. Katowice 2003, S. 160 (Wappen).
  • Wien, Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines Verwaltungs-, Finanz- und Hofkammerarchiv: AVA Adel HAA AR 375.4
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