Eine frühe protestantische Schriftzeichenreliquie.
Predigtaufzeichnungen von Kurfürst Johann von Sachsen auf Ahorntäfelchen

/ August 31, 2022

Wegen der Zentralstellung der Predigt im reformatorischen Gottesdienst war das Mitschreiben von Predigtinhalten unter lesekundigen Protestanten weit verbreitet. Für viele Lernende boten sowohl die Predigten an Sonn- und Festtagen als auch diejenigen, die regelmäßig innerhalb der Woche gehalten wurden, eine wichtige Ergänzung zu ihrer theologischen Bildung im Klassenzimmer, im Hörsaal oder in privaten Studierstuben.

Ein frühes wie auch faszinierendes Zeugnis dieser Praxis stellen Aufzeichnungen von zwei Osterpredigten (Chart. B 1561) in der Forschungsbibliothek Gotha dar. Sie sind in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.


Abb. 1: Beginn der Aufzeichnungen zur Predigt über Mk 16 am Ostersonntag, [nach 1522]. FB Gotha, Chart. B 1561, Bl. 2r.

Abb. 2: Beginn der Aufzeichnungen zur Predigt über Lk 24 am Ostermontag (nach „*——“), [nach 1522]. FB Gotha, Chart. B 1561, Bl. 5r.

Zum einen stammen die Notizen von der Hand Kurfürst Johanns von Sachsen (1468–1532). Die Initiale auf der ersten Textseite (Abb. 1) beziehen sich auf die Devise, die seine Dynastie seit 1522 führte: „Verbum Domini manet in aeternum“ (Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit). Sie dienen als terminus post quem für die Datierung des Schriftstücks. Wer gepredigt hat, bleibt unklar, aber die Inhalte sind unzweifelhaft reformatorisch. Diese Mitschriften gelten somit als eines der frühesten fassbaren Bekenntnisse eines ernestinischen Fürsten zum evangelischen Glauben. Da sich die Ernestiner im Laufe der Reformation zunehmend als Schutzherren von Luther und dessen theologischem Erbe verstanden, wurden diese kurzen eigenhändigen Aufzeichnungen von Johanns Nachfahren ähnlich wie eine Reliquie behandelt.

Zum anderen sind die Aufzeichnungen insofern besonders, als sie auf Täfelchen aus Ahornholz geschrieben sind. Dafür war Johann bekannt, wie Luther in einer Tischrede mitteilte: „Dieser Kurfürst […] hat […]in der Predigt Schreibtafeln bey sich zu haben, und die Predigt mit eigener Hand aus des Predigers Munde nachzuschreiben“ (WA TR 6, Nr. 6959). Die leicht tragbaren Täfelchen wurden so geschnitten, dass sie bequem in der Hand gehalten werden konnten. So hatte der Fürst eine feste Unterlage für seine Schreibaktivitäten in den Kirchen. Diese Art von Beschreibstoff ist ungefähr zehnmal dicker als ein zeitgenössisches Stück Papier. Deshalb waren die Täfelchen ungeeignet, Informationen langfristig zu speichern. Die Notizen konnten später auf Papier übertragen und die Holzflächen geschliffen und wiederverwendet werden.

Als „protestantische Schriftenzeichenreliquien“ fanden andere Ahorntäfelchen mit Predigtaufzeichnungen von Kurfürst Johann ehrfürchtige Aufnahme in verschiedene Sammlungen. Einige befanden sich nachweislich im 16. Jahrhundert in der Privatbibliothek des Jenaer Theologieprofessors David Voit (1529-1589) und im 17. Jahrhundert in der Stadtbibliothek Nürnberg. 1881 schenkte die preußische Kronprinzessin Victoria (1840–1901) ihren Onkel Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha (1818–1893) eine Reihe von acht Täfelchen. Diese werden heute in der Autographensammlung der Kunstsammlungen der Veste Coburg (A.I,22,(1),3) aufbewahrt.

Daniel Gehrt

Daniel Gehrt ist promovierter Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Erschließung frühneuzeitlicher Handschriften an der Forschungsbibliothek Gotha.

Quellen

  • Predigtaufzeichnung von Kurfürst Johann von Sachsen, [nach 1522]. FB Gotha, Chart. B 1561. Volldigitalisat: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00016354
  • Martin Luther: Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Abt. 2, Bd. 6: Tischreden aus verschiedenen Jahren, aus Johannes Aurifabers Sammlung (WA TR). Weimar 1921.

Literatur

  • Daniel Gehrt: Maple Wood Heirlooms and the Re-formation of a Dynastic Identity. Sermon Notes Taken by Elector John of Saxony as Grapho-Relics, in: Renaissance and Reformation 44/1 (2021), S. 59–85.
  • Ulinka Rublack: Grapho-Relics. Lutheranism and the Materialization of the Word, in: Alexandra Walsham (Hg.): Relics and Remains. Oxford 2010, S. 144–166.
  • Christine Sauer (Hg.): Wunderkammer im Wissensraum. Die Memorabilien der Stadtbibliothek Nürnberg im Kontext städtischer Sammlungskulturen. Wiesbaden 2021, S. 153–155.
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