„Kulturschätze von Weltbedeutung“
70 Jahre Rückgabe der Landesbibliothek Gotha
Am 13. Februar 1956 notierte Otto Küttler (1885–1965) in seiner „Chronik der Landesbibliothek Gotha“, dass die Bibliothek auf Schloss Friedenstein „wegen der starken Kälte und Kohlemangels“ auf die Zentralheizung verzichten musste.1Küttler 1957, S. 10. Am 20. April des Jahres kündigte der Rundfunk der DDR die Rückkehr der Bücher aus der Sowjetunion an.2Küttler 1957, S. 11. Am 29. Juni 1956 schließlich wurde in Moskau das Übergabeprotokoll zur Rückführung der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek Gotha unterzeichnet.3Vgl. Claus 1977. „330.000 Bücher, eine stille, geduldige, weltweite Legion, auf deren Fahne der Frieden leuchtet, deren Botschaft Menschlichkeit heißt.“4Holck 1958: Die Bücher vom Friedenstein, in: Neue Zeit (12.1.1958) Nr. 10. (FB Gotha, Goth 8° 220/2 (08/01), Bl. 28.
Am selben Tag meldete der Berliner Rundfunk für Gotha überraschend die Rückgabe der 1945 als Beutegut des Zweiten Weltkrieges in die Sowjetunion verbrachten Bibliothek an die DDR.5Vgl. Paasch 2021. Die DDR-Presse teilte erstmals auch die Orte mit, an die das Beutegut gebracht worden war, die Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Leningrad und Moskau.6Claus 1977, S. 455. Mit dem Abtransport der „kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter“ aus der „Bibliothek des Herzogs der Stadt Gotha“7Kolasa 1995, S. 339 und S. 356. beauftragt war der sowjetische Wissenschaftler und Offizier Grigorij Grigorjevič Kričevskij (1910–1989).8Kričevskij 1945-1946. Bei der Rückführung der Gothaer Bibliothek 1956 wurden „insgesamt 329.818 Einheiten“ zurückgegeben.9Pachnicke 1956, S. 7.
Mediale Begleitung der Rückgabe
Während die Verbringung in die UdSSR im Verborgenen geschehen war, wurde die Rückgabe im In- und Ausland medial begleitet.10Z.B. im Magazin „DDR Revue“ mit dem Beitrag „Für uns gerettet“ von 1957. Hervorgehoben wurde immer wieder die Bedeutung der Bibliothek. Schon Kričevskij hatte in seinen persönlichen Aufzeichnungen festgehalten, das Gotha zwar kleiner als die Bibliotheken in Berlin, München und Dresden war, jedoch „eines der kostbarsten Bücherhäuser Deutschlands“.11Kričevskij 1946, Nr. 48, Anlage I, S. 1 (FB Gotha, Bibliotheksarchiv, Kričevskij). „Es ist fast wie ein Wunder“, notierte der Direktor der Landesbibliothek Gotha, Gerhard Pachnicke (1914–2006),12Pachnicke 1956. der als „Initiator sämtlicher Veränderungen und Verbesserungen“ bei der Rückführung gewürdigt wurde.13Vgl. Holck 1958, Bl. 28. Er rief unter anderem „alle Gothaer“ zur Einsendung von Druckerzeugnissen […] auf. „Auch kleine Drucksachen wie Plakate, Ansichtskarten, Programme, Betriebszeitungen u. a. sind willkommen.“14Friedenstein-Magazin 1961.
„All das sind große Schätze“ begann der Journalist Hans Oliva (1922–1992) im Oktober 1956 seine Berichterstattung.15Freie Welt 1956. Und die „Neue Zeit“, eine der Ost-CDU nahestehende Zeitung, titelte „Luthers Tischreden wieder in Gotha“.16Neue Zeit 1956, Bl. 22. Das Stimmungsbild in der Bibliothek fing Otto Küttler anlässlich der Rückgabe in einer handschriftlich überlieferten „Reimerei mit farbigen Zeichnungen“ ein. Die Demoralisierung nach dem Abtransport war der Freude beim Wiederaufbau gewichen: „Plötzlich hörte man verkünden / – Erregendes Momente – / Eines Schicksals Wende, / Daß man zurückerhalte / Bibliotheca ducalis die alte / Auf UdSSR-Beschluß.“17Küttler 1956, Bl. 16r. In seiner „Chronik der Landesbibliothek Gotha“ berichtete Otto Küttler geradezu minutiös von der Rückkehr der Bücher.18Küttler 1945-57, Bl. 11r–12r. Am 27. August 1956, um 16:45 Uhr, so Küttler, kam der erste „Waggon […] mit Büchern der alten Gothaer Bibliothek auf dem Gothaer Bahnhof an. Es handelte sich dabei um 8 große Stahlbehälter, von denen jeder etwa 2,5 Tonnen gewogen haben soll. „Allein schon die Art der Verpackung ließ die Sorgfalt erkennen, mit der diese Bücher in der Sowjetunion behandelt wurden. […] Rund 20.000 solcher Pakete waren […] in Gotha eingetroffen.“19Freies Wort (1956), Bl. 7. Küttler führte auch akribisch die weiteren ankommenden Bahnbehälter an: Am 2. September kamen 8, am 3. September 16 und am 4. September weitere 8 Bahnbehälter.20Weitere Ankunft von Büchern: 10. September: 8 Behälter, 15. September: 16, 24. September: 30 Behälter, 29. September: 3, 6. Oktober: 5, 7. Oktober 7, 19. Oktober: 8, 6. Oktober: 5, 7. Oktober: 7, 19. Oktober: 8 Bahnbehälter. Küttler 1945-57, Bl. 11r–12r. Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare der Landesbibliothek erhielten beim Transport vom Bahnhof zum Schloss Friedenstein Unterstützung von Soldaten der Nationalen Volksarmee und der Bau- und Finanzschüler in Gotha.21Pachnicke 1957. Im Oktober 1956 begannen die Bibliotheksmitarbeitenden mit der Aufstellung der Bücher im Ostturm und Ostflügel des Schlosses. Zeitgleich mit der Ankunft der Bücher wurde mit dem Einbau der Regale in der ersten Etage des Ostflügels begonnen. „Dieses für die Gothaer Bibliothek jahrhundertealte Problem“, so der Direktor der Forschungsbibliothek Gotha, Helmut Claus 1977 (1933–2020), „ist dank der großartigen finanziellen Unterstützung des damaligen Staatssekretariats und heutigen Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen, durch das verständnisvolle Entgegenkommen der örtlichen Organe und durch die rasche und kontinuierliche Arbeit der Lieferbetriebe in erstaunlich kurzer Zeit gelöst worden. Der Ostturm des Schlosses, nach wie vor Träger des größten Teils des kostbaren alten Bestandes, wurde im dritten Stockwerk mit äußerst zweckmäßig und raumsparend angeordneten doppelgeschossigen Stahlmagazinen des VEB Gothaer Metallwarenfabrik ausgestattet. Und da die Bibliothek zugleich die gesamte zweite und dritte Etage des Ostflügels zugesprochen erhielt, war das drängende Raumproblem auf lange Sicht gelöst. Dadurch konnte der erwähnte Bibliothekssaal ein für allemal entlastet werden und bietet sich uns seitdem wieder in seiner schlichten Schönheit. Die historischen Räume dieser Etage wurden mit stilvollen Holzregalen […] ausgestattet, […]. In erster Linie und stellvertretend für alle anderen sind hier die drei zusammenhängenden, den Handschriften und wertvollsten Drucken vorbehaltenen Räume zu nennen, aus denen die schmalen, die wertvollen Handschriftenbände beengenden Schränke zugunsten geräumiger Regale entfernt wurden.“22Claus (wie Anm. 4), S. 458–459. „In hellen, luftigen Räumen, Magazinen, Sälen, die einerseits die Tradition wahren, wie der 1954 wiederhergestellte Bibliothekssaal, der älteste Raum vom Typ der alten Saalbibliothek, der untere Turm mit seinen Klosterkettenbüchern und der Wendeltreppe, die hinaufführt in den oberen Turm und in ein zweistöckiges Magazin modernster Stahlkonstruktion mit ausgeklügelten statischen Berechnungen, das andererseits den gegenwärtigen Stand der Technik verwendet, um den dringend erforderlichen, zusätzlichen Platz zu gewährleisten.“23Holck 1958, Bl. 28.
Zeitgleich mit dem Einräumen der Bücher kamen ab 27. September 1956 die ersten Delegationen aus verschiedenen Ländern, um sich die wieder erstandene Landesbibliothek anzusehen. Am 16. und 30. Oktober war der Berliner Fernsehfunk in Gotha. Gleichzeitig wurden weitere Schäden in der ersten Etage des Ostturms entdeckt. Küttler berichtete unter anderem davon, dass am 5. Dezember 1956 „Schwamm in 9 Tragbalken“ des Ostturms gesichtet worden sei.24Küttler (wie Anm. 2).
In der zweiten Etage des Ostflügels stellten die Bibliotheksmitarbeitenden von Januar bis April 1957 Bücher ein. Vom 23. April bis 14. August dauerte der Einbau der Stahlregalanlage in der dritten Etage des Ostturms, das Einstellen der Bücher in dieser obersten Etage konnte am 11. November beendet werden. Zeitzeuge der Rückgabe war der am 1. September 1956 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Landesbibliothek Gotha eingetretene Helmut Roob (1924-2017), der im Gespräch von den Arbeiten 1956 und 1957 berichtete. Die Mitarbeitenden hätten Präzisionsarbeit und Überstunden geleistet. An Geld habe es nicht gefehlt, da die Rückgabe ein Prestigeobjekt gewesen sei. Im Gegensatz zur Landesbibliothek Altenburg habe Gotha gerettet werden können.
Im Zuge der Sanierung des Ostturms 2022 zogen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Forschungsbibliothek diese Etage von Büchern frei. Die Stahlregalanlage wurde ausgebaut.
Kathrin Paasch
Kathrin Paasch ist Direktorin der Forschungsbibliothek Gotha und Expertin für
Buch- und Bibliotheksgeschichte.
Bibliographie
- Helmut Claus: Proletarischer Internationalismus in Aktion – zum 20. Jahrestag der Rückgabe der Bestände der Gothaer Forschungsbibliothek an die Regierung der DDR, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 91 (1977) 10, S. 455–460.
- Freie Welt (25.10.1956). FBG Goth 8° 220/2 (08/01), Bl. 6.
- Freies Wort (24.11.1956), Bl. 7. FBG Goth. 8° 220/2 (8,2), Bl. 15.
- Friedenstein-Magazin (März 1961). FBG Goth 8° 220/2 (08/01).
- Adrian Holck: Die Bücher vom Friedenstein, in: Neue Zeit (12.1.1958) Nr. 10. (FBG Goth 8° 220/2 (08/01), Bl. 28.
- Ingo Kolasa: Sag mir wo die Bücher sind… Ein Beitrag zu „Beutekulturgütern“ und „Trophäenkommissionen“, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 42, 1995, H. 4, S. 339–364.
- Grigorij Grigorjevič Kričevskij: Materialien zum Abtransport der Gothaer Bibliothek. Typoskripte und Handschriften, 1945–1946. (FB Gotha Bibliotheksarchiv, Kričevskij Nr. 1–60).
- Otto Küttler, Chronik der Landesbibliothek Gotha 1945–57, o. O. [1957]. FB Gotha, Chart. A 2107, S. 10.
- Otto Küttler, Fröhliche Wiederkunft. o. O. u. J. [Gotha, nach 1956]. Handschrift; FB Gotha, Chart. B 2141, Bl. 16r.
- Kathrin Paasch, Gespräch mit Helmut Roob im Oktober 2005.
- Kathrin Paasch: „[…] als Kriegsbeute anzusehen“. Der Abtransport der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek Gotha 1946, in: Wieder zurück in Gotha! Die verlorenen Meisterwerke, Hrsg. von Timo Trümper für die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Petersberg 2021, S. 44–53.
- Neue Zeit – Deutschlandausgabe Jg. 12 (23.9.1956) Nr. 223. FB Gotha, 8° 220/2 (08/01), Bl. 22.
- Gerhard Pachnicke: Eine Bibliothek von Rang, in: Neues Deutschland (12./13.5.1956). FB Gotha, Goth 8° 220/2 (08/01), Bl. 19.
- Gerhard Pachnicke: Gothaer Schätze – in der UdSSR gehütet, in: Das Volk (2.11.1957). FB Gotha, Goth. 8° 220/2 (4,1), Bl. 2.
- Thüringer Landeszeitung (23.6.1856). FB Gotha, Goth. 8° 220/2 [1] (1955-58], Bl. 7.
Abbildungsverzeichnis
- FB Gotha, Chart. B 2141, Bl. 24 (zugleich Abb. auf der Übersichtsseite).
- FB Gotha, Chart. B 2141, Bl. 31.
- FB Gotha, Brauner Kasten.
Zitat im Titel aus: Thüringer Landeszeitung 1956.


