„Der höchste Feiertag in Amerika“
Vergnügungen deutscher Auswanderer des 19. Jahrhunderts am Unabhängigkeitstag

Abb. 1: Deutsche Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, 1776.
„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit“.
Mit diesem Rekurs auf Menschenrechte erklärten die dreizehn englischen Kolonien in Nordamerika vor 250 Jahren, am 4. Juli 1776, ihre Unabhängigkeit von Großbritannien. Doch erst nach achteinhalb Jahren Krieg gegen das einstige Mutterland wurden die Vereinigten Staaten als souveränes Land international anerkannt.
Rund einhundert Jahre später war die Bevölkerung zutiefst gespalten. Zentraler Streitpunkt war die Frage der Sklaverei. Die Südstaaten bildeten eine Konföderation und strebten eine Sezession an. Die Differenzen kulminierten in einem Bürgerkrieg, der zwischen 1861 und 1864 um die 750.000 Todesopfer forderte. Am Ende wurde die Sklaverei als völlige wirtschaftliche und rechtliche Abhängigkeit eines Menschen von einem anderen abgeschafft und die Staaten waren wieder vereinigt.
Zwölf Jahre nach dem Friedensschluss, der den Bürgerkrieg beendete, jährte sich die Unabhängigkeitserklärung zum 100. Mal. Aus diesem Anlass richteten die Vereinigten Staaten zum ersten Mal eine Weltausstellung aus. Sie fand passenderweise in Philadelphia, Pennsylvania, statt, wo der Kongress 1776 die „Geburtsurkunde der Nation“ unterzeichnet hatte. Bevölkerungsgruppen, die nicht sämtliche in der Unabhängigkeitserklärung verbrieften Grundrechte genossen, nahmen das Jubiläum zum Anlass für Proteste. Am 4. Juli 1876 demonstrierte beispielweise die National Woman Suffrage Association vor der Independence Hall in Philadelphia für das Wahlrecht aller Bürgerinnen.
Wie nahmen aber die Scharen von neuen Einwohnern des Landes diesen Feiertag wahr, die gelockt von der Aussicht auf ein besseres Leben ihre Heimat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlassen hatten? Einige Eindrücke bietet eine Auswahlausgabe der umfangreichen Sammlung von Briefen deutscher Immigranten in den Vereinigten Staaten, die in den 1980er Jahren von der Ruhr-Universität Bochum begründet wurde und welche seit 2002 in der Forschungsbibliothek Gotha aufbewahrt und fortwährend erweitert wird.1Kamphoefner/Helbich/Sommer (1988).
Was Auswanderer ihren Familien und Freunden in der deutschen Heimat im Zusammenhang mit diesem Nationalfeiertag berichteten, bewegte sich meist fernab von Fragen der großen Politik und der Menschenrechte. Immer wieder betonten sie, dass am 4. Juli – „dem höchsten Feiertag in Amerika“2Kamphoefner/Helbich/Sommer (1988), S. 407. – niemand arbeiten müsse. Sie erzählten vor allem von den Vergnügungen, die sie mit anderen an diesem Tag erlebt hätten. Matthias Dorgathen aus dem Ruhrgebiet, der als Bergarbeiter in der rasch wachsenden Industriestadt Massilon, Ohio, arbeitete, schrieb zum Beispiel 1881: „da ist überal Musik“ und zwei Jahre später: „wir hatten Alle eine zu fihl getrunken das ist hir auf den 4 Juli so“.3Kamphoefner/Helbich/Sommer (1988), S. 407, 430. Ähnliches berichtete Margarethe Winkelmeier, die als Hausangestellte in Indianapolis, Indiana, arbeitete.4Kamphoefner/Helbich/Sommer (1988), S. 547f. Dank der schnellen Eisenbahnverbindungen konnte sie sich am 4. Juli 1868 mit anderen Immigranten treffen, die ebenfalls aus dem Minden-Ravensberger Raum stammten, und auf einem Jahrmarkt feiern. Margarethe Winkelmeier tanzte, bis ihr weißes Kleid völlig durchgeschwitzt war. Resümierend schrieb sie: „wir sind noch nicht so ver Gnügtzusammen gewesen wie den Tag“.5Kamphoefner/Helbich/Sommer (1988), S. 548.
Auch auf dem Land wurde der 4. Juli feierlich begangen. Johann Bauer aus Baden, der einen Hof in Floyd’s Creek, Missouri, betrieb, schrieb 1876 mit Blick auf das bevorstehende große Jubiläum: „Auch wir hier [auf] unseren stillen Farmen werden uns zusammenschaaren & ohne Zweifel mit etwas gebratenen Hühnern & anderen guten Dingen werden die Feier begehen & weil wir zu einer guten, freiheitsbegeisternten Rede bitten, werden uns so viel Vergnügen machen als uns hier möglich ist“.6Kamphoefner/Helbich/Sommer (1988), S. 174. Der Brief von Bauer zeugt auch vom Interesse der allgemeinen Bevölkerung an der Ausstellung in Philadelphia, wo die Welt zu Gast war, sowie von der identitätsstiftenden Kraft des historischen Gedenkens: „Am 4 July 1876 oder dieses Jahr wird das Fest der 100 jährigen Unabhängigkeit der vereinigten Staaten in der Stadt Philadelphia gefeiert. Die größten Vorbereitung[en] sind jetzt schon gemacht die Gäste zu Empfangen, welche von allen Nationen herbeiströmen werden diese Stadt zu besuchen, um so mehr als auch eine Kunstausstellung damit verbunden ist. Dieses Fest ist jetzt schon in jedermans Munde & wird wohl im ganzen Lande gefeieret bei Hoch & Nieder Reich & arm, in der volkreichen Stadt als auch in der stillen einsamen Farm, selbst in der Wildniß wo nur eine Einsiedlung ist, wird wohl eine Feier in einem gewissen Grade stattfinden“.
Unabhängig von ihrem Stand im Leben feierten die Menschen im ganzen Land, und alle suchten ihr eigenes Glück in ihrer neuen Umwelt.
Daniel Gehrt
Daniel Gehrt ist Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Erschließung frühneuzeitlicher Handschriften an der Forschungsbibliothek Gotha.
Online-Ressource
- Unabhängigkeitserklärung der dreizehn Vereinigten Staaten von Nordamerika am 4. Juli 1776 im Portal „Verfassungen der Welt“. URL: https://www.verfassungen.net/us/unabhaengigkeit76.htm (letzter Zugriff: 01.07.2026).
Literatur
- Briefe aus Amerika. Deutsche Auswanderer schreiben aus der Neuen Welt 1830–1930, hrsg. v. Walter D. Kamphoefner, Wolfgang Helbich und Ulrike Sommer. München 1988.
- Bruno Giberti: Designing the Centennial. A History of the 1876 International Exhibition in Philadelphia. Lexington, Kentucky, 2015.
- Udo Sautter: Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Stuttgart 2013.
Abbildungsnachweis
- Deutsche Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, 1776. Deutsches Historisches Museum Berlin (gemeinfrei).
- Postkarte von der Freiheitsstatue in New York, geschrieben 1908. FB Gotha, NABS, Alte Sammlung v.d. Straten/Hoffmann. Bruder 1907–1911.
- Übersichtsplan der Weltausstellung 1876 in Philadelphia (gemeinfrei).
- Postkarte von einem Hof auf dem Land in Amerika, geschrieben 1913. FB Gotha, NABS, Alte Sammlung v.d. Straten/Hoffmann. Eltern 1900–1913.
Abb. auf der Übersichtsseite: Briefmarke anlässlich des 200. Jubiläums der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, 1976. Aus der Sammlung des Verfassers.


