Visionäre Ost-West-Allianzen

/ September 19, 2026

Zur Provenienzgeschichte der Handschriften Martin Crusius’ und Stephan Gerlachs in der Forschungsbibliothek Gotha

Abb. 1: Kolorierter Holzschnitt mit Porträt von Martin Crusius, ca. 1578.

Am 19. September 2026 jährt sich zum 500. Mal die Geburt des Tübinger Professors Martin Crusius (1526–1607), einer faszinierenden Persönlichkeit des 16. und frühen 17. Jahrhunderts (Abb. 1). Crusius zählte seinerzeit nicht nur zu den führenden Gelehrten der altgriechischen Sprache nördlich der Alpen, sondern auch zu den frühesten, die sich intensiv mit Neugriechisch und der Kultur der zeitgenössischen Griechen unter der osmanischen Herrschaft befassten.1Neulich dazu: Calis 2025. Diese Pionierleistungen entstanden im Zusammenhang mit den eigens initiierten Bemühungen, Schriften der lutherischen Liturgie und Theologie für die griechisch-orthodoxe Kirche ins Altgriechische zu übersetzen und zu publizieren sowie die gedruckten Exemplare nach Konstantinopel (heute Istanbul) transportieren zu lassen.2Grundlegend dazu: Neuendorf 2022. Zu diesem Ende fasste er auch die Inhalte von weit mehr als 6.500, in Tübingen gehaltenen deutschen Predigten ins Altgriechische zusammen.3Eine erste Auswertung dieser Predigtsammlung aus bildungshistorischer Sicht bei Gehrt [2026]. Seine Übersetzungen und Auslegungen von lutherischen Kirchenliedern sind heute in einem Handschriftenband der Forschungsbibliothek Gotha erhalten.4FB Gotha, Chart. A 1027. Kritische Edition der altgriechischen Übersetzungen in: Neuendorf 2022, S. 327–564. Crusius verfolgte sein ambitioniertes, Ost und West verbindendes Vorhaben in den letzten vier Jahrzehnten seines Lebens. Erste Kontakte in Konstantinopel, einschließlich zum Patriarchen Jeremias II. (1536–1595), hatte er durch seinen Tübinger Kollegen Stephan Gerlach (1546–1612) knüpfen können, der zwischen 1573 und 1578 als Hofprediger des kaiserlichen Gesandten David Ungnad von Sonnegg (1535–1600) am Bosporus tätig war (Abb. 2). Viele von diesen frühen Briefen, deren Ziel es war, eine Verständigung zwischen der lutherischen und orthodoxen Kirche auszuloten, sind lediglich als Abschriften in Crusius’ Diarium erhalten, das zu einem der umfangreichsten Tagebücher der Zeit anwuchs. Die neunbändige Überlieferung öffnet Türen zur Person, in die Zeit und Welt und gar in die Träume des Tübinger Professors. Eingestreut auf den 6.500 Seiten des Diariums sind mehr als einhundert Berichte von Crusius’ nächtlichen Visionen.5Für diesen Hinweis danke ich Dr. Philipp Knüpffer und Dr. Paul A. Neuendorf, welche eine moderne Edition der Tagebücher planten.

Abb. 2: Originalbrief von Patriarch Jemenias II. an Jakob Andreae und Martin Crusius in Tübingen, Konstantinopel, ca. November 1574.

Die Forschungsbibliothek Gotha besitzt Teile der Nachlässe von Martin Crusius und Stephan Gerlach. Dazu zählen 300 Originalbriefe, die überwiegend an Gerlach adressiert sind (Chart. A 407; Chart. A 703, Bl. 1r–94v);6Der Gothaer Bibliotheksdirektor Ernst Salomon Cyprian (1673–1745) und sein Assistent Georg Grosch (1698–1671) strebten in den frühen 1740er Jahren eine Ausgabe der Briefe in der Herzoglichen Bibliothek zur griechisch-orthodoxen Kirche an. Dabei sortierten sie mehrere Briefe aus, die nicht veröffentlicht werden sollten. Diese wurden später mit anderen Gelehrtenbriefen zusammengebunden (heute Chart. A 703). Das Werk erreichte nie seine Vollendung. Zum Vorhaben vgl. Gehrt 2023, S. 253. eine Sammlung von griechischen Briefen und Dokumenten, deren Großteil Gerlach vor seinem Weggang aus Konstantinopel 1578 für Crusius’ Sprachstudien erwarb (Chart. A 386);7Umfassend zu dieser Sammlung: Gastgeber 2009. und die bereits erwähnten Liederübersetzungen und -auslegungen von Crusius (Chart. A 1027). Diese Bestände kamen auf zwei verschiedenen Wegen von Tübingen nach Gotha. Letztere Handschrift war, wie bereits in einem früheren Blogbeitrag erläutert, in den Besitz des Arnstädter Theologen und Hymnologen Johann Christoph Olearius (1688–1747) gekommen, dessen berühmte Liederbuchsammlung die Herzogliche Bibliothek auf Schloss Friedenstein 1793 erwarb.

Die andere Überlieferung war offenbar infolge der visionären Ost-West-Allianzpläne, die Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha (1601–1675) seit den 1660er Jahren hegte, mehr als hundert Jahre früher Teil der Sammlung geworden. Der Herzog strebte ein Bündnis mit Äthiopien, Russland und möglichst auch mit Persien gegen das Osmanische Reich an. So entsandte er 1663 den aus Sömmerda stammenden Orientalisten Johann Michael Wansleben (1635–1679) als Missionar und Diplomaten nach Äthiopien (siehe Blogbeitrag). Wansleben gelangte zwar bis Oberägypten, erreichte aber aufgrund von mehreren Erschwernissen und Risiken nie sein Ziel. Der Gothaer Hof war der Ansicht, dass die gemeinsame antipäpstliche Haltung der lutherischen und der orthodoxen Kirche Bündnisverhandlungen mit dem russischen Zaren begünstigen könnte.8Akten in: FB Gotha, Chart. A 102: „Zu den moscowitischen Acten gehörigen Sachen“. Deshalb bat Herzog Ernst Anfang 1674 den Tübinger Theologieprofessor Tobias Wagner (1598–1680) um Auskunft über die Aufbewahrung der Korrespondenz mit der griechisch-orthodoxen Kirche zwischen 1576 und 1581.9Briefwechsel in: FB Gotha, Chart. A 102a, Bl. 106r–111v. Die Briefe befanden sich nicht wie vermutet in der Universitätsbibliothek oder im Hofarchiv der württembergischen Herzöge in Stuttgart. Wagner wies aber auf ihre Veröffentlichung bereits 1584 in Wittenberg und auf entsprechende Informationen in Crusius’ im gleichen Jahr erschienenem Werk über die Griechen unter osmanischer Herrschaft hin (Abb. 3).10Jakob Andreae und Martin Crusius: Acta et scripta theologorum Wirtembergensium, et partriarchae Constantinopolitani D. Hieremiae …, Wittenberg 1584 (VD16 A 2491); Martin Crusius: Turcograeciae libri octo …, Basel 1584 (VD16 C 6153). Zudem erwähnte Wagner die aktuellen Bemühungen Samuel Gerlachs (1609–1683), das Tagebuch herauszugeben, das sein Großvater in Konstantinopel geführt hatte.11Stephan Gerlach: Tage-Buch …, Frankfurt am Main 1674 (VD17 23:232887D). Offenbar nahm der Gothaer Hof Kontakt mit diesem Spezialsuperintendenten in der württembergischen Stadt Markgröningen auf und erhielt dadurch einen Teil des Nachlasses von Stephan Gerlach.12Dafür spricht, dass die Sammlung auch vereinzelte Briefe an Samuel Gerlach enthält.

Abb. 3: Exzerpte von Tobias Wagner aus Martin Crusius’ „Turcograeciae libri octo“ (1584), Februar 1674.

In dieser Sammlung befinden sich eigenhändige Texte von Adam Neuser (ca. 1530–1576). Der Fund vor 15 Jahren war eine Sensation (siehe Pressemitteilung). Im Gegensatz zu den Tübinger Professoren und dem Gothaer Herzog erachtete Neuser den Sultan als geistigen Verbündeten. Dieser ehemals in Heidelberg tätige lutherische Prediger hatte nämlich antitrinitarische Ansichten angenommen, in denen die Gottheit Jesu abgelehnt wird. Somit stand er dem Islam nahe. Im März 1570 verfasste er einen Brief an den Sultan, in dem er das Christentum seiner Zeit als falsch darstellte. Er wollte mit seiner Familie nach Konstantinopel übersiedeln. Aufgrund dieses aus christlich-europäischer Sicht ketzerischen und politisch verräterischen Standpunkts wurde Neuser inhaftiert. Es gelang ihm jedoch, aus der Gefangenschaft auszubrechen und zu fliehen. Während seine eigenen Versuche, nach Konstantinopel zu reisen, scheiterten, erreichte er nach langer Wanderschaft sein Ziel eher zufällig 1572 infolge einer Verhaftung im Grenzgebiet zum Osmanischen Reich. Neuser verbrachte seine letzten Lebensjahre am Bosporus als Muslim und hatte dort Kontakt mit Stephan Gerlach. So kam dieser in Besitz einer Fassung des Briefes an den Sultan, den Neuser aus dem Gedächtnis rekonstruiert hatte (Abb. 4).13Vgl. dazu Mulsow, Flüchträume.

Abb. 4: Aus dem Gedächtnis rekonstruierter Brief von Adam Neuser an Sultan Selim II., Heidelberg, März 1570.

Von allen drei abenteuerlichen Bemühungen um Verbündete aus fernen Ländern, von denen man nur vage Vorstellungen hatte, kam es lediglich bei Crusius’ Unterfangen zu einem ersten Dialog.

Daniel Gehrt

Daniel Gehrt ist Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Erschließung frühneuzeitlicher Handschriften an der Forschungsbibliothek Gotha.

Onlineressourcen

Literatur

  • Richard Calis: The Discovery of Ottoman Greece. Knowledge, Encounter, and Belief in the Mediterranean World of Martin Crusius. London 2025.
  • Christian Gastgeber: Ioannes und Theodosios Zygomalas – Stephan Gerlach – Martin Crusius. Der Sammelcodex Chart. A 386 der Forschungsbibliothek Gotha zwischen Konstantinopel und Tübingen, in: Stauros Perentides und Georgios Steires (Hrsg.): Ioannes kai Theodosios Zygomalas. Patriarchatus – Institutiones – Codices. Athen 2009, S. 39–124.
  • Daniel Gehrt: Arguing for the Moral Necessity of Reformation History. Ernst Salomon Cyprian’s Historiographic Use of Natural Law in Defense of the Lutheran Church, in: Daniel Gehrt, Markus Matthias und Sascha Salatowsky (Hrsg.): Reforming Church History. The Impact of the Reformation on Early Modern European Historiography. Stuttgart 2023, S. 243–270.
  • Daniel Gehrt: The Church as Lecture Hall. Sermons as Integral Component of Theology Studies in Early Modern Protestant Europe, in: Philipp Pilhofer (Hrsg.): Konfessionsübergreifende Perspektiven auf das Theologiestudium um 1600. Studentenkulturen – Studienorganisation – Studentischer Alltag, Tübingen 2026 (im Druck).
  • Katalog der Reformationshandschriften. Aus den Sammlungen der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’schen Stiftung für Kunst und Wissenschaft, beschrieben von Daniel Gehrt. Wiesbaden 2015, S. 700–705, 789–799, 817–829.
  • Martin Mulsow: Flüchträume und Koversionsräume zwischen Heidelberg und Istanbul. Der Fall Adam Neuser, in: Ders. (Hrsg.): Kriminelle – Freidenker – Alchemisten. Räume des Untergrunds in der Frühen Neuzeit. Köln/Weimar/Wien 2014, S. 33–59.
  • Paul Neuendorf: „Daraus kündten auch die Graeci lärnen“. Die Bemühungen des Martin Crusius (1526–1607) um ein Luthertum der Griechen. Heidelberg 2022. Online verfügbar unter der URL: https://heiup.uni-heidelberg.de/catalog/book/820 (letzter Zugriff: 19. August 2026).
  • Thomas Wilhelmi: Der erste deutsche Philhellene. Martin Crusius (1526–1607), in: Daniel Gehrt und Sascha Salatowsky (Hrsg.): Aus erster Hand. 95 Porträts zur Reformationsgeschichte. Gotha 2014, S. 48f. Online verfügbar unter der URL: https://www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00030382 (letzter Zugriff: 19. August 2026).
  • Thomas Wilhelmi: Handschriften der Universitätsbibliothek Tübingen, Bd. 2: Die griechischen Handschriften. Sonderband Martin Crusius: Handschriften, Verzeichnis und Bibliographie. Wiesbaden 2002.

Abbildungsnachweis

  1. Kolorierter Holzschnitt mit Porträt von Martin Crusius, ca. 1578. Universitätsbibliothek Tübingen, Cd 855.2-2, 2, hinterer Spiegel. URL: https://tobias-bild.uni-tuebingen.de/#/detail/81006 (letzter Zugriff: 19. August 2026). CCO – Public Domain (zugleich Abb. auf der Übersichtsseite).
  2. Originalbrief von Patriarch Jemenias II. an Jakob Andreae und Martin Crusius in Tübingen, Konstantinopel, ca. November 1574. FB Gotha, Chart. A 386, Bl. 5r–6v, hier Bl. 6r.
  3. Exzerpte von Tobias Wagner aus Martin Crusius’ „Turcograeciae libri octo“ (Basel 1584, VD16 C 6153), Februar 1674. FB Gotha, Chart. A 102a, Bl. 111r.
  4. Aus dem Gedächtnis rekonstruierter Brief von Adam Neuser an Sultan Selim II., Heidelberg, März 1570. FB Gotha, Chart. A 407, Bl. 351r–352v, hier Bl. 351v.
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