Der heilige Franz von Assisi und das Gleichnis vom breiten und schmalen Weg

/ Oktober 30, 2026

Am Vorabend des christlichen Hochfestes Allerheiligen (1. November) 1517 machte Luther seine 95 Thesen gegen Missbräuche des Ablasshandels öffentlich bekannt. Dieser Akt wurde früh retrospektiv als Ausgangspunkt der epochemachenden Wittenberger Reformbewegung wahrgenommen. So gilt der 31. Oktober seit Jahrhunderten unter Protestanten als Gedenktag der Reformation. Mit der Reformation am häufigsten assoziiert werden Luthers deutsche Übersetzung der Bibel auf der Grundlage der hebräischen, aramäischen und griechischen Urtexte sowie die kritische Haltung gegenüber der Heiligenverehrung. Dennoch hatten die Lutheraner im Unterschied zu den Calvinisten ein etwas ambivalentes Verhältnis zu den Heiligen (siehe Blogbeitrag). Einige wenige Heilige wie der Riese Christophorus oder der drachentötende Ritter Georg blieben auch in dieser neuen Konfessionskultur durch allegorische Deutungen ihrer Legenden lebendig, die christliche Tugenden einprägsam vermitteln ließen. Auch das Verhältnis lutherischer Theologen zu dem vor 800 Jahren gestorbenen Gründer des Franziskanerordens, Franz von Assisi (1182–1226), schwankte zwischen Sympathie und Ablehnung.1Siehe Reblin 1988. Umso mehr überrascht es auf den ersten Blick, dass ein kolorierter Kupferstich dieses Heiligen eine unikale Prachtausgabe der Lutherbibel schmückt (Abb. 1), die in der Forschungsbibliothek Gotha aufbewahrt wird. Wer war Franz von Assisi und welchen Bezug hat der Kupferstich zur Bibel?

Abb. 1: Raphael Sadeler: Kupferstich des sterbenden Franz von Assisi, Anfang des 17. Jahrhunderts.

Abb. 2: Holzschnitt von Franz von Assisi mit Stigmata, 1493.

Als Sohn des italienischen Tuchhändlers Piero Bernardone von Assisi kam das auf den Namen „Giovanni“ getaufte Kind 1182 in sehr wohlhabenden Familienverhältnissen zur Welt. Wegen der Vorliebe seiner Familie für die französische Sprache und Kultur erhielt er den Rufnamen „Francesco“. Der Überlieferung zufolge genoss er als junger Mann das opulente und ritterlich-höfische Leben. Schwer erkrankt, erfuhr er eine tiefe innere Wandlung. Er strebte zusehends ein Leben in Armut und hingebungsvoller Opferbereitschaft an. Nach mehrjährigem Einsiedlerleben gründete er 1209 eine neue Ordensgemeinschaft. Die Mitglieder nannten sich entsprechend ihrem Demutsideal „Minderbrüder“. Zwischen 1213 und 1215 wanderte Franz als Prediger durch Italien und Südfrankreich. Er reiste 1219 auch nach Ägypten in der Absicht, den Sultan und die muslimische Bevölkerung für das Christentum zu gewinnen. Nach den späteren Heiligenviten empfing der Asket 1224 in der Abgeschiedenheit eines kleinen italienischen Klosters die Stigmata: Wundmale an Händen, Füßen und an der Seite eben wie Christus am Kreuz (Abb. 2). Er verheimlichte jedoch dieses Wunderzeichen seiner radikalen Nachfolge Christi, sodass es erst bei seinem Tode 1226 erkannt wurde. Zwei Jahre später wurde er heiliggesprochen.

Franz von Assisi inspirierte zahlreiche Menschen, die seine Predigten hörten sowie seine unermüdliche Hilfsbereitschaft, sanftmütige Demut und Lebensfreude erlebten. Er rief mit Wort und Tat zur Erneuerung auf. Auch die Natur schätzte er zutiefst. Diese Verbundenheit zur göttlichen Schöpfung kommt beispielsweise in seinem „Sonnengesang“ zum Ausdruck, in dem er Sonne, Mond und „den lieblichen Tod“ wie auch seine Mitmenschen als Brüder und Schwester bezeichnete. Den Legenden nach predigte er sogar zu den Vögeln, die ihm freudig zuhörten (Abb. 3). Er lehrte sie Dankbarkeit für das scheinbar Selbstverständliche: für ihr anmutiges Federkleid, die Fähigkeit zu fliegen und das sorgenfreie Vorhandensein von Nahrung.

Abb. 3: Federzeichnung der Vogelpredigt von Franz von Assisi, 13. Jahrhundert.

Der Gothaer Kupferstich stellt Franz von Assisi in der braunen Kutte seines Ordens im Sterbemoment dar. Sich an einen alten Feigenbaum lehnend,2Eventuell soll die Baumart an die Geschichte der Zikade im Feigenbaum erinnern. Der Legende nach forderte Franz von Assisi diese „Schwester“ auf, zu ihm zu kommen und dem Schöpfer gemeinsam singend bzw. zirpend zu lobpreisen. hält er mit verdrehten Augen ein Kruzifix liebkosend in den Händen. Auf der linken Hand, die auch einen Rosenkranz hält, ist ein Wundmal der Stigmata zu sehen. Neben dem Sterbenden liegt ein Schädel. Oben links öffnet sich der strahlende Himmel mit musizierendem Engel auf einer Wolke. Unten steht der Name des Stechers, Raphael Sadeler (1561–1632). Er stammte aus einer bedeutenden Künstlerfamilie in Antwerpen und war an mehreren deutschen und italienischen Höfen tätig. Sadeler widmete diesen Kupferstich dem Provinzialminister des Kapuzinerordens für die Provinz Tirol und Böhmen, Zeno von Bergamo (1574–1624). Der Haupttext unterhalb des Bildes stammt aus der Bergpredigt Jesu (Mt 7,13–14). Seine deutsche Übersetzung lautet:

Geht durch das enge Tor! Denn das weite Tor und der breite Weg führen ins Verderben, und viele sind auf diesem Weg. Doch das enge Tor und der schmale Weg führen ins Leben, und nur wenige finden diesen Weg.

Inspiration für Bild und Text war offensichtlich die Todesschilderung in der Heiligenvita des Julians von Speyer († 1250) aus den frühen 1230er Jahren:

[…] sein besonderer Jünger […] sah seine glorreiche Seele vom Fleisch gelöst, gestaltet wie ein großer, strahlender Stern. […] Und gut sah man, wie er aufstieg über vielen Wassern wie ein Stern, auf einem weißen Wölkchen. Da er ja die Welt aus den Wassern weltlicher Zerstreuung gezogen hatte, leuchtete er der Menge des Volkes durch seine Wunder ebenso wie durch sein Leben und seine Lehre. Denn auf der breiten Straße des Verderbens wies er ihnen wie Blinden, die in die Irre gehen, den lichtvollen Weg zur Herrlichkeit. Den Weg, von dem man vorher befürchtete, er sei nur auf wenige beschränkt, die auf ihm einherschreiten, erweiterte er für die, die ihm scharenweise folgen, zum Weg des Lebens.3Franziskus-Quellen 2014, S. 523–570, hier S. 566.

Abb. 4: Titelblatt der mit kolorierten Kupferstichen ausgestatteten Lutherbibel aus dem Endter-Verlag in Nürnberg, 1670.

Durch sein Vorbild verlieh Franz anderen die Kraft, ebenfalls den anstrengenderen, aber vielversprechenden schmalen Weg zu gehen; auf diese Weise erweiterte er den Weg. Wie alle anderen 161 aufwendig handkolorierten Kupferstiche, die die Gothaer Bibel zur Preziose machen (Abb. 4), steht dort auch die Darstellung von Franz von Assisi an passender Stelle auf der Seite gegenüber den zitierten Versen aus Matthäus 7,13–14. Mehrere Motive sind katholischer Prägung, wie die Krönung Mariä oder die heilige Maria Magdalena in der Wüste. So stellt die Gothaer Bibel ein Beispiel für die Durchlässigkeit konfessioneller Grenzen bei der Praxis der Buchausstattung, des Sammelns und der Bildverwendung dar.

Wie dieses Prachtstück in die Sammlungen auf Schloss Friedenstein gelangte, ist nicht bekannt. Ein Stempel weist darauf hin, dass es einst zur Privatbibliothek von Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1745–1804) gehörte. Das Exlibris auf dem Vorderspiegel belegt, dass die Bibel früher im Besitz des Leipziger Buchdruckers Christian Benjamin Bittorf († 1741) war.

Daniel Gehrt

Daniel Gehrt ist Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Erschließung frühneuzeitlicher Handschriften an der Forschungsbibliothek Gotha.

Quelle

  • Biblia, Das ist/ Die gantze H. Schrifft, Altes und Neues Testaments/ Teutsch/ D. Martin Luthers …, Nürnberg: Christoph Endter 1670 (VD17 3:006813F). FB Gotha, Theol 2° 27/9 (1–2). Volldigitalisat des ersten Bandes in der Digitalen Historischen Bibliothek Erfurt/Gotha: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00013515.

Literatur

  • Fürstliche Bücherlust. Kostbarkeiten der Forschungsbibliothek Gotha. Katalog zur Sommerausstellung der Universitäts- und Forschungsbibliothek Gotha/Erfurt im Spiegelsaal auf Schloss Friedenstein Gotha 1. Juli–3. Oktober 2004. Gotha 2004, S. 74–77.
  • Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, hrsg. von Dieter Berg und Leonhard Lehmann. Kevelaer 22014.
  • Hermann Hesse: Franz von Assisi. Mit farbigen Bildern der Fresken von Giotto und einem Essay von Fritz Wagner. Frankfurt am Main 1988.
  • Hiltgart L. Keller: Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten. Stuttgart 81996, S. 231–235.
  • Klaus Reblin: Freund und Feind. Franziskus von Assisi im Spiegel der protestantischen Theologiegeschichte. Göttingen 1988.
  • Otger Steggink: Der Sonnengesang des Franziskus. Das Lied eines Lebens. Düsseldorf 1987.

Abbildungsnachweis

  1. Raphael Sadeler: Kupferstich des sterbenden Franz von Assisi, Anfang des 17. Jahrhunderts. FB Gotha, Theol 2° 27/9 (2), Neues Testament, zwischen S. 14 und 15.
  2. Holzschnitt von Franz von Assisi mit Stigmata, 1493. In: Hartmann Schedels Weltchronik. Das größte Buchunternehmen der Dürer-Zeit. München 1988, Bl. CCVIIIr. FB Gotha, B 3130.
  3. Federzeichnung der Vogelpredigt von Franz von Assisi in den „Chronica Majora“ des Matthew Paris, 13. Jahrhundert. Cambridge, Corpus Christi College, MS 16 II, Bl. 70v (gemeinfrei).
  4. Titelblatt der mit kolorierten Kupferstichen ausgestatteten Lutherbibel aus dem Endter-Verlag in Nürnberg, 1670. FB Gotha, Theol 2° 27/9 (1).

Abb. auf der Übersichtsseite: Porträt von Franz von Assisi. Ausschnitt aus Cimabues Fresko von „Madonna und Kind“ in der Basilika San Francesco in Assisi (gemeinfrei).

Share this Post