Fundstück: Historische Postkarte aus der Auswandererbriefsammlung

Forschungsbibliothek Gotha/ August 17, 2018

Afra Ringwald, Paramentenstickerin aus Oberprechtal, wanderte im Juli 1909 mit ihrer Cousine Maria nach Amerika aus. Der Weg führte zunächst entlang des Rheins über Mannheim, Mainz und Koblenz nach Köln. Von dort ging es weiter mit dem Zug nach Bremen und anschließend nach Bremerhaven, dem neben Hamburg größten Auswandererhafen Deutschlands. Auf der Postkarte vom 24. Juli 1909, mit der sie ihrer Mutter „den letzten Gruß aus Deutschland“ schickte, ist der Dampfer „Bremen“ der Reederei Norddeutsche Lloyd zu sehen. Dieser fuhr von Bremerhaven in Richtung New York. Seit der Umstellung auf die Dampfschifffahrt war die Überfahrt erheblich kürzer und weniger gefährlich als mit dem Segelschiff. Die Passagiere waren zuvor mehrere Wochen oder Monate unterwegs, unter mangelhaften hygienischen Bedingungen und Lebensgefahr. Den ersten Brief aus der Neuen Welt verfasste Afra Ringwald bereits am 9. August 1909. Sie beschrieb darin die offensichtlich kurzweilige Überfahrt als relativ komfortabel und angenehm:

Auf dem Schiff hatten wir sehr gute Kost und auch viel. Wir waren unsere 3 in der Kaj[ü]te. […] Das Wetter war fast immer schön. Sturm hatten wir keinen. Die See war an einem Tag etwaß heftig. […] Die anderen drei waren nicht Seekrank. Die Seeluft tat mir sehr gut[,] habe die heißerkeit gänzlich verloren, u[nd] der Husten ist nicht mehr viel. Wir waren auf dem Schiff wie Geschw[ister] gegen einander, o waß trifft man für gute Leute, hätte es nicht geglaubt, wir waren fast immer die gleichen beisam[m]en.

Glücklicherweise, bedingt durch ihren Vetter Ignatz, konnten sie bereits am Pier Hoboken in Manhattan aussteigen. Sonst hätte sie in der Einwandererstation Ellis Island, einer Insel im Hafen von New York, ein zeitaufwendigeres Procedere erwartet:

Wenn wir nicht beim Ig[natz] gewesen wären[,] h[ä]tten Sie uns an ein Platzt getan (ich weiß nicht wie der Ort heißt.)[,] weil wir nicht genug Geld hatten. Vieleicht hätten wir 8[.] oder 14 Tage bleiben müßen, bis Sie in der ganzen Welt rum geschrieben hätten. Ig[natz] sagte zu den Herrn wir gehen mit Ihm zu seiner Mutter, dann ist es gegangen, […] Seid einem Jahr ist es so streng.

Ellis Island, auch „Insel der Tränen“ genannt, war seit 1892 für die weniger privilegierten Immigranten zuständig.

Auffällig an der historischen Auswanderer-Postkarte ist der Leuchtturm „Roter Sand“, den der Dampfer „Bremen“ passiert. Er steht seit 1885 nordöstlich der Insel Wangerooge in der Außenweser und ist nicht nur ein beliebtes Postkartenmotiv, sondern auch ein Kulturdenkmal der Technik- und Schifffahrtsgeschichte. Für unzählige Auswanderer war er der letzte heimatliche Bezugspunkt bei der Fahrt in eine ungewisse Zukunft.

Im Falle der Afra Ringwald führte der Weg in ein Kloster im Bundesstaat Pennsylvania, wo sie als Nonne bis 1916 ihre Zeit verbrachte.

Das Thema Migration ist aktuell in aller Munde. Ich empfehle einen Besuch im Auswandererhaus Bremerhaven, das sowohl die Auswanderungs- als auch Einwanderungsgeschichte der letzten Jahrhunderte abdeckt und sich direkt am Neuen Hafen befindet.

Verfasser: Arne Menck

Quelle: Forschungsbibliothek Gotha, NABS, Briefserie Moser/Ringwald.

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