Schulabgangsreden aus dem 17. Jahrhundert – eine seltene Überlieferung in der Forschungsbibliothek Gotha

Forschungsbibliothek Gotha/ Juli 4, 2019

Der Schulabschluss ist ein besonderer Anlass. Dies war im 17. Jahrhundert nicht anders als heute und auch die damit verbundenen Feierlichkeiten ähneln sich: Es gibt Musik und gutes Essen, Menschen kommen zusammen, um die Absolventen gebührend zu würdigen. Letztere runden ihrerseits meist mit einer Rede die Schullaufbahn ab. Aber während heute diese Rede oftmals nur von ausgewählten Schülern geschrieben und zum Vergnügen der anwesenden Eltern, Freunde und Verwandten vorgetragen wird, handelt es sich bei den valedictiones, den Abgangsreden wie sie auch am Gothaer Gymnasium der Frühen Neuzeit üblich waren, um eine finale Kostprobe der von den Schülern erworbenen rhetorischen und altphilologischen Fähigkeiten. Von dieser konnte darüber hinaus einiges abhängen, denn in den Reihen der Zuhörer fanden sich Adlige und hohe Beamte auf der Suche nach Talenten, die sie mit Stipendien und Arbeitsstellen fördern und an sich binden konnten. Manch ein Schüler lief daher zu Höchstformen auf.

So der spätere Doktor der Rechtswissenschaften und Schriftsteller Justus Zinzerling (um 1580–1620), der virtuos einen Bezug zwischen den drei Grazien des antiken Mythos und der christlichen Tugend der Freigebigkeit herstellt und dieses Vorgehen mit der im Mittelalter entstandenen und zu Zeiten des Humanismus wieder in das Blickfeld der Gelehrten gekommenen integumentum-Lehre begründet. Mit dieser vertritt er die Auffassung, dass selbst in paganen Sagen gewisse universell gültige Wahrheiten verborgen sind, die sich auch durch eine christliche Ausdeutung nicht verändern. Bekannte und weniger bekannte Sagen verbinden sich mit den Adagia des Erasmus von Rotterdam (1466/67/69–1536), Stellen lateinischer und griechischer Klassiker mit Bibelzitaten in einer herausragenden Abgangsrede, die in einem Anruf Gottes als Schöpfer aller Mildtätigkeit endet.

[Abb. 1: Titelblatt der Valedictio „Comparatio liberalitatis cum gratiis“ des Justus Zinzerling. FB Gotha, Gym 77, Bl. 11.]

Nicht jeder Schüler gab sich jedoch so viel Mühe bei der Ausarbeitung. Überliefert ist etwa eine wesentlich kürzere Rede eines unbekannten Schülers, die sich passenderweise mit Rhetorik befasst und nahezu exakt dem bei Cicero (106–43 v. Chr.) und den übrigen Vorbildern aufgezeigten idealen Schema mit den empfohlenen Stilmitteln folgt. Der Absolvent feiert die Redekunst als ehrenhaft, nützlich und notwendig, bringt Beispiele berühmter Redner aus der antiken Geschichte und lässt Cicero immer wieder als perfectus magister et rex eloquentiae (vollkommener Meister und König der Beredsamkeit) glänzen – bemerkenswerte eigene Ideen bleiben aber aus. Mehr Arbeit als unbedingt notwendig hat der Schüler wohl nicht auf seine Abgangsarbeit verwendet.

Etwas innovativer erscheint dagegen eine dritte valedictio, die ein gewisser Theophilus Herr aus Ilmenau hielt. Er geht von einem Zitat des Dichters Properz (48–15 v. Chr.) aus, das besagt, die Medizin könne alle menschlichen Gebrechen heilen, allein gegen die Liebe sei sie machtlos. Herr konzentriert sich nach kurzer Berührung des Liebesaspekts auf die Medizin, die er als mariengleiche Jungfrau in Not einführt, welche es zu verteidigen gilt. Ähnlich wie der anonyme Schüler bringt auch er drei Haupteigenschaften seines Gegenstandes – hier Altehrwürdigkeit, Nutzen und Ansehen – vor, arbeitet die zugehörigen Argumente aber entweder nachlässig aus oder legt antike Überlieferungen so zurecht, dass sie zu seinem Standpunkt passen oder erfindet gleich eigene, wenn entsprechende Quellen fehlen.

[Abb. 2: Titelblatt der Valedictio von Theophilus Herr. FB Gotha, Gym 77, Bl. 115r.]

All dies versucht er mit einem grandiosen Finale der Stilmittel am Ende seiner Rede, in dem er auch vor komplexen Konstruktionen nicht zurückschreckt, vergessen zu lassen. Ob dieser Plan aufgegangen ist, muss dahingestellt bleiben, denn es ist nicht bekannt, was aus Theophilus Herr wurde. Wenn das Fehlen seines Namens in den Absolventenlisten als Indiz gewertet werden kann, liegt ein unehrenhaftes Verlassen des Gothaer Gymnasium nahe.

Obwohl diese drei valedictiones nur einen kleinen Einblick in die Schulkultur des 17. Jahrhunderts geben, so lässt sich leicht resümieren, dass auch hier kein Unterschied zu heute besteht. Noch immer gibt es fleißige Schüler, die eine Aufgabe engagiert und mit großem Eigenanteil umsetzen, solche, die das Nötigste tun und diejenigen, die sich ihr Ergebnis zurechtbasteln – ganz egal, wie das enden mag.

Die drei thematisierten Schulabgangsreden wurden im Rahmen einer Examensarbeit im Fach Latinistik transkribiert und einer rhetorisch-stilistischen Analyse unterzogen. Der vorliegende Text fasst die Ergebnisse der Arbeit grob zusammen.

Louisa-Dorothea Gehrke, Juni 2019

Literatur:

Louisa-Dorothea Gehrke: Cicero in der Frühen Neuzeit – Zur Rhetorik von Schulabgangsreden in Gotha. Jena 2018. Belegexemplar der FB Gotha.

Andreas Lindner: Bildungsfrüchte – Valediktionen als Spiegel des Selbstverständnisses schulischer Bildung. In: Sascha Salatowsky (Hg.): Gotha macht Schule. Bildung von Luther bis Francke. Gotha 2013, S. 32–39.

Max Schneider: Die Themata der öffentlichen Schülerdisputationen am Gymnasium Illustre zu Gotha im 17. Jahrhundert. Sonderdruck aus den Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte XVII (1907), S. 142–148 [eigene Paginierung: 1–7].

Max Schneider: Die Themata der von Schülern des Gymnasium Illustre zu Gotha 1693–1727 öffentlich gehaltenen lateinischen Reden. Sonderdruck aus den Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte XVIII (1908), S. 44–56 [eigene Paginierung: 11–24].

Hinweis der Redaktion: Die Forschungsbibliothek Gotha besitzt eine umfassende Sammlung an ausschließlich handschriftlich überlieferten Schulabgangsreden aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Sie stammen aus dem ehemaligen Gymnasium Illustre und wurden vor allem unter dem Rektor Andreas Wilke (1562–1631) angefertigt.



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