Tulpenbäume für das Geburtstagskind. Der 340. Geburtstag des Danziger Botanikers und Naturforschers Johann Philipp Breyne

Forschungsbibliothek Gotha/ August 9, 2020

Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 15

In der Frühen Neuzeit wie heute sind Blüten, insbesondere in Form eines Blumenstraußes, ein gern gesehenes Geburtstagsgeschenk, das allerdings ein paar Stilregeln unterliegt. Am besten eignen sich laut Floristen gemischte Bouquets aus bekannten, allseits beliebten Sorten. Von Topfpflanzen und Exoten wird eher abgeraten – es sei denn, der zu Beschenkende hat sich vorher schon als Liebhaber ausgewiesen, der etwa in seiner Freizeit ein Tropengewächshaus oder einen kleinen Themengarten pflegt.

Für Johann Philipp Breyne (1680–1764), der am 9. August seinen 340. Geburtstag feiert, waren weder Gewächshaus noch Garten eine bloße Freizeitbeschäftigung, sie machten den Großteil seines Lebensinhalts aus. Als jüngster Sohn und wissenschaftlicher Erbe des Botanikers und Kaufmanns Jacob Breyne (1637–1697) konnte er dahingehend bereits auf die Vorarbeit seines Vaters zurückgreifen und erbte den nach niederländischen Vorbildern angelegten botanischen Garten im heutigen Gdańsk. Auch gestand ihm der Vater, der das Familiengeschäft des Farbstoff- und Drogeriehandels bei Johann Philipps älteren Brüdern in guten Händen sah, das Medizinstudium an der Leidener Universität zu, das ihm selbst nicht vergönnt gewesen war. Zu jener Zeit beinhaltete es auch den Botanikunterricht und so hörte der jüngere Breyne die Vorlesungen des berühmten Herman Boerhaave (1668–1738) und besuchte unter anderem dessen Landgut Oud Poelgeest, wo sich der Hochschullehrer auf Bäume spezialisiert hatte. 1702 beendete Johann Philipp Breyne sein Studium mit einer Promotionsschrift zu Pilzen als Heilpflanzen und ihrer Anwendung in der Medizin. Im Anschluss unternahm er eine ausgedehnte Bildungsreise durch Europa, die ihn nach England, Spanien und Portugal sowie nach Italien führte, bevor er auf dem Rückweg in seine Heimatstadt Station in weiteren naturwissenschaftlich bedeutenden Städten machte. Auf diesen Reisen knüpfte er wertvolle Kontakte wie den zum späteren Präsidenten der Royal Society Hans Sloane (1660–1753), auf dessen Vorschlag er nur ein Jahr nach Antritt seiner Reise zum Mitglied der Gelehrtengesellschaft gewählt werden sollte. Aufnahmen in weitere Gelehrtengesellschaften – der Kaiserlich Leopoldinisch-Carolinischen Akademie der Wissenschaften seit 1715, der Danziger Societas Litteraria 1720 – erweiterten sein Netzwerk, dass er in einer umfangreichen Korrespondenz pflegte.

Abb. 1: Cinnamomum verum aus dem Herbarium des Paul Hermann. © Forschungsbibliothek Gotha (CC BY-SA 4.0).

Die von diesem Austausch zeugenden fünf Briefbände bilden einen Teil des in der Forschungsbibliothek Gotha vorhandenen Nachlasses von Jacob und Johann Philipp Breyne, der unter Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1745–1804) erworben wurde. Zu Johann Philipps Briefen treten die Korrespondenz Jacobs, prachtvolle Pflanzen- und Tierzeichnungen, die die Töchter Johann Philipps anfertigten, Unmengen an Notizen über den eigenen Garten und als Vorarbeiten für Publikationen, von denen auch teilweise Manuskripte vorliegen. Ergänzt werden sie durch Pflanzenlisten und Aufzeichnungen über Sammlungen sowie die Drucke naturgeschichtlicher Werke. Unmittelbar die Personen der Breynes betreffend finden sich Stamm- und Reisetagebücher sowie einige persönliche Urkunden. Ein besonderes Schmuckstück ist das Herbarium Paul Hermanns (vgl. Abb. 1), das beide Breynes offensichtlich sehr geschätzt haben, denn sowohl von Vater und Sohn gibt es Listen und Register, die sich unmittelbar darauf beziehen.

Abb. 2: Trockenexemplar auf einem kommentierten Druck. © Forschungsbibliothek Gotha (CC BY-SA 4.0)

Nicht im Nachlass enthalten sind die Muschel-, Gesteins- und Bernsteinsammlungen, die Johann Philipp Breyne besessen haben muss und die nach Russland verkauft wurden. Ebenso zerstreut worden sind wahrscheinlich die Pflanzen, die der Garten der Breynes beherbergte. Ihre Auktion übernahm Johann Philipp Breyne fast achtzigjährig noch selbst und verkaufte unter anderem stolze 118 Ananaspflanzen, einige Kaffeebäumchen, Euphorbien und indischen Oleander. Denselben Fleiß hatte er zuvor beim Erwerb der Pflanzen an den Tag gelegt. In seinen Briefen und Aufzeichnungen finden sich zahlreiche Spuren eines intensiven Austauschs von lebenden Pflanzen, Sämereien und Herbarbelegen mit verschiedenen öffentlichen und privaten botanischen Gärten, der teilweise jahrzehntelang andauerte (vgl. Abb. 2). Mit besonderem Enthusiasmus suchte Breyne dabei nach den bereits erwähnten Kaffeepflanzen, einer Banyan-Feige und Daphnopsis-Arten. Besonders erfreut war er, als zwei kleine Tulpenbäume aus dem Chelsea Physic Garden die Überfahrt nach Danzig heil überstanden – ein Geschenk Hans Sloanes, das für Breyne sicher noch den prächtigsten Geburtstagsblumenstrauß ausstach.

Verfasserin: Louisa-Dorothea Gehrke, Universität Erlangen-Nürnberg

Literaturverzeichnis

Quellen:

FB Gotha, Chart. A 785, Bl. 2r. Cinnamomum verum aus dem Herbarium des Paul Hermann (Abb.1).
FB Gotha, Chart. A 786 (1) Bl. 83r. Trockenexemplar auf einem kommentierten Druck (Abb. 2).
FB Gotha, Chart. B 789, Bl. 3, 16v: Notiz Breynes bezüglich seines Antwortschreibens auf einen Brief Johann Gottlieb Gleditschs vom 10. Oktober 1738.
FB Gotha, Chart. A 877 25r–26v: Brief Breynes an Hans Sloane vom 23. März 1728.

Forschungsliteratur:

Fleischer, Alette A.: Rooted in fertile soil: Seventeenth-century Dutch gardens and the hybrid history of material and knowledge production. Enschede: University of Twente. Online: https://doi.org/10.3990/1.9789036530972 [letzter Zugriff: 05.08.2020]
Kooijmans, Luuc: „Tantalus in de Hortus. Herman Boerhaave als plantkundige“, in: Esther van Gelder (Hg.): Bloeiende kennis. Hilversum 2012, S. 161–172.
Kurkowa, Alicja: Jakub i Jan Filip Breynowie: Studium z Dziejów Kultury Książki XVII I XVIII Wieku, Zakład Narodowy im. Ossolińskich 1989.
Roob, Helmut/Hopf, Cornelia: Jacob und Johann Philipp Breyne: Zwei Danziger Botaniker im 17. und 18. Jahrhundert. Gotha 1988. Online: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00011615 [letzter Zugriff: 05.08.2020]

Übersicht und Liste der Nachlässe an der FB Gotha: Online: https://www.uni-erfurt.de/forschungsbibliothek-gotha/sammlungen/handschriften-und-nachlaesse/nachlaesse [letzter Zugriff: 05.08.2020]

 

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