Das Gothaer stehende Hoftheater (1775–1779) und seine Bibliotheken. Zum 300. Geburtstag Conrad Ekhofs

Forschungsbibliothek Gotha/ August 12, 2020

Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 16

Das erste stehende deutsche Hoftheater mit fest engagiertem Schauspielensemble machte den Hof von Sachsen-Gotha-Altenburg von 1775 bis 1779 zum „Theatermittelpunkt Deutschlands“ (Jacobsen, S. 94). Diese kurze Periode der frühneuzeitlichen Gothaer Theatergeschichte ist mit dem Namen des zu den bedeutendsten Bühnendarstellern seiner Zeit gehörenden Schauspielers Conrad Ekhof verbunden.

Der am 12. August 1720 geborene Sohn eines Hamburger Schneiders und Stadtsoldaten begann mit 19 Jahren das für die Schauspieler seiner Zeit typische Reiseleben, als er sich der Schauspielgesellschaft Johann Friedrich Schönemanns (1704–1782) anschloss. Mit ihr feierte er seine ersten Bühnenerfolge, bevor er ab 1757 anderen Wanderbühnen unter den Prinzipalen Franziskus Schuch, Heinrich Gottfried Koch und Konrad Ernst Ackermann beitrat. 1767 spielte er für zwei Jahre an der Hamburger Entreprise und wurde schließlich 1769 Mitglied der Gesellschaft des Abel Seyler. Zwischen 1771 und 1772 übernahm Ekhof kurzzeitig die Leitung der Seylerschen Truppe, von 1772 bis 1774 spielte er mit ihr am Weimarer Hof. Nach dem dortigen Theaterbrand vermittelte Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach die Gesellschaft an den benachbarten Gothaer Hof.

Hier wurde Ekhof 1775 als Schauspieldirektor und Schauspieler des zugleich von Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1745–1804) gegründeten stehenden Hoftheaters eingestellt und wirkte an dessen Einrichtung mit. Die folgenden knapp drei Jahre stand Ekhof dem Hoftheater zusammen mit dem Schriftsteller und Publizisten Heinrich August Ottokar Reichard (1751–1828) vor. Ekhof verhalf dem späteren Star des deutschen Theaters, August Wilhelm Iffland (1759–1814), zu dessen Bühnendebüt. Das Hoftheater, das administrativ vom Gothaer Oberhofmarschall geführt wurde, versprach ökonomische Absicherung sowie soziale Anerkennung der Schauspielerinnen und Schauspieler. Gespielt wurde, was dem Publikum gefiel. Über den Spielplan entschied das Herzoghaus. So konnte Ekhof auf der Bühne des Schlosses Friedenstein nicht in einer seiner Paraderollen in Lessings „Emilia Galotti“ glänzen, befand der Bruder Herzog Ernsts II., Prinz August (1747–1806), das Stück doch als „theatralischen Unsinn“ (FBG, Poes 8° 2638/2, S. 27) und verhinderte die Aufführung. Der vom Wanderleben gesundheitlich stark angeschlagene Ekhof starb am 16. Juni 1778 im Alter von 57 Jahren in Gotha. Die Einstellung des Hoftheaters durch Herzog Ernst II. im Jahr darauf und somit einen weiteren gescheiterten Versuch, in Deutschland ein einträgliches stehendes Theater zu errichten, erlebte Ekhof nicht mehr.

Abb. 1: Porträt Conrad Ekhofs im ersten Band von Heinrich August Ottokar Reichards „Theater-Kalender auf das Jahr 1775“. © Forschungsbibliothek Gotha (CC BY-SA 4.0).

Mit seiner an der Natur orientierten Darstellungsweise erregte der von Reichard als klein und unscheinbar, „mit der anstoßenden Zunge, mit den einwärts gekehrten Füßen“ (Uhde, S. 108) charakterisierte Ekhof bei seinen Zeitgenossen große Bewunderung. „Er war nicht der Nachahmer der Natur, er war die Natur selbst,“, pries der Theaterschriftsteller und Dramaturg Johann Friedrich Schink (1755–1835) den wandlungsfähigen Mimen. Ekhofs Spiel sei, so Schink weiter, „immer Spiegel des Lebens. Das Herz wie Wachs zu schmelzen, Ströme von Zähren aus dem Auge zu locken, aus einer Brust, hart wie Kieselstein, die feurigsten Funken des Mitleids zu schlagen und all den Sturm der Leidenschaften in unsre Seele zu stürmen – war für Ekhofs Talent ein Spiel.“ (zitiert nach Devrient, S. 267f.). „Kein Ekhof ist je wiedergekommen auf der deutschen Bühne“, rief Ekhofs Gothaer Kodirektor Reichard aus (zitiert nach Uhde, S. 109) und eröffnete 1775 seinen „Theater-Kalender“ mit einem Porträt des von ihm hochverehrten Schauspielers (Abb. 1).

Anders als es die Fokussierung der Gothaer Theatergeschichtsschreibung auf die Zeit des stehenden Hoftheaters vermuten lässt, sind die Zeugnisse aus dieser Periode höfischen Theaterlebens, in der ein breites Repertoire des Sprech- und Musiktheaters gegeben wurde, in der Herzoglichen Sammlung der Forschungsbibliothek Gotha nur lückenhaft auf uns gekommen. Die Überlieferungen dieser kurzen Ära speisen sich vor allem aus zwei Quellen. Zum einen war dies die Bibliothek Conrad Ekhofs. Ekhof, bildungshungrig und gebildet, transportierte mit seiner Büchersammlung nicht nur das unmittelbar benötigte Rüstzeug des Schauspielers von Ort zu Ort. Er trug auch solche gedruckten und handschriftlichen Materialien im Gepäck, die Grundlage und Dokumentation seiner Überlegungen und Aktivitäten zur Reformierung der Schauspielkunst und zur Vergegenwärtigung der deutschen Theatergeschichte waren. Diese Büchersammlung muss am Ende seines Lebens mindestens 134 Bände gezählt haben (vgl. Verzeichnis, f. 18r).

Zum anderen pflegte Heinrich August Ottokar Reichard für die konkrete Arbeit des Hoftheaters eine Theaterbibliothek. Sie wurde unabhängig von der im Ostturm des Schlosses Friedenstein öffentlich zugänglichen großen Hofbibliothek des Herzoghauses von Sachsen-Gotha-Altenburg in einem gesonderten Raum aufbewahrt, zu dem sowohl er als auch Ekhof Schlüssel besaßen. Solche Theaterbibliotheken gehörten – wie die Beispiele von Conrad Ekhof und der Seylerschen Gesellschaft zeigen – ebenso zu Wanderbühnen wie zu den im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts aufkommenden bürgerlichen Liebhabertheatern dazu. Und so sollte Reichard die Bibliothek nach Ekhofs Auffassung nicht mit „überflüssigen und unbrauchbaren Büchern […] häuffen“ (Ekhof 1775) und trug eine Sammlung aus gedruckten Stücketexten und Libretti, aus handschriftlichen Übersetzungen vor allem französischer Stücke, aus Partituren, Rollenbüchern sowie Literatur für die Bildung der Schauspielerinnen und Schauspieler zusammen.

Ekhofs Büchersammlung und die Hoftheaterbibliothek existierten während der kurzen Zeit Ekhofs am Gothaer Hof parallel nebeneinander, zugleich entlieh Ekhof Bücher aus der Theaterbibliothek, worauf Reichards ausdrücklicher Hinweis in dem von ihm angelegten ersten Verzeichnis der Theaterbibliothek deutet: „Die wo E dabei steht, hat Herr Ekhof in seinem Hause“ (Reichard, f. 1r). Unmittelbar nach dem Tod des kinderlos gebliebenen Ekhof 1778 verkaufte dessen Witwe Georgine Spiegelberg (1706–1790) die Bibliothek an die Direktion des Hoftheaters, wo sie für das verbleibende Jahr bis zur Theaterauflösung in die Theaterbibliothek integriert wurde. Davon zeugt ein zweites, nicht von Reichards Hand stammendes, jedoch von ihm durchgearbeitetes Bibliotheksverzeichnis. In diesem sind auch die aus Ekhofs Hinterlassenschaften stammenden „Bücher, so nicht theatralischen Inhalts“ (Verzeichnis, f. 18r) aufgeführt.

Zu den in die Herzogliche Theaterbibliothek übernommenen bemerkenswerten Stücken aus Ekhofs Sammlung zählen die von ihm in schmucklose Pappeinbände gebundenen „Comödienzettel“ aus den Jahren 1759 und 1771, die er zur Spielplandokumentation seiner Berufsstationen zusammengestellt hatte (FBG, Poes 4° 2176 (1–12)). Auch soll Ekhof die Theaterzettel des Gothaer Hoftheaters, für deren Drucklegung er zuständig war und für die er bzw. das Hoftheater auch über eine kleine Druckerei verfügten, gesammelt haben. Diese Theaterzettel sind jedoch, bis auf wenige Ausnahmen, nicht in der Forschungsbibliothek überliefert. Dies ist zunächst erstaunlich, verfügte das Theater mit der dazugehörigen Bibliothek doch über die notwendige Infrastruktur für das Sammeln und Aufbewahren der Materialien. Doch diese Infrastruktur stand mit der Auflösung des Theaters durch Herzog Ernst II. nicht mehr zur Verfügung, die Bibliothek wurde laut Reichard „eingepackt und aufgehoben“ (Theater-Journal, S. 57). Reichard übernahm ein Jahr später die Betreuung der persönlichen Büchersammlung des Herzogs. Dieser hatte nur mäßiges Interesse am Theater, das dennoch präzise in das Bild eines aufgeklärten Fürsten passte, und hegte in zunehmendem Maße eine Abneigung gegen Schauspieler. Nach seinem Tod befand sich in seiner großen persönlichen Büchersammlung lediglich eine Handvoll in Gotha während der Hoftheaterzeit gedruckter Stücke – Ernst II. hatte die Hoftheaterzeit, zumindest seiner Büchersammlung nach zu urteilen, verdrängt.

Was nun den Nachlass Ekhofs betrifft, so hielt sich Reichard zugute, diesen mit Hilfe des die Regierungsgeschäfte führenden Ministers Bernhard von Lindenau (1779–1854) vor der Versteigerung im Zuge des Erlöschens des Herzoghauses von Sachsen-Gotha-Altenburg 1825 gerettet zu haben. Allerdings vergaß er dabei, dass er zuvor selbst zur Zerstreuung des Nachlasses beigetragen hatte. So gab er einige Konvolute an den Dramatiker und Theaterdirektor Friedrich Ludwig Schröder (1744–1816) für das Verfassen einer Theatergeschichte nach Hamburg. Nach Schröders Tod wurden dessen Hinterlassenschaften verkauft und gelangten so in die Vorgängerinstitution der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Die in Gotha verbliebenen Reste der Hoftheaterzeit, die trotz des Verschlusses der Theaterbibliothek 1779 noch weiter dezimiert wurden, erfassten die Bibliothekare des Sachsen-Gotha-Altenburg nachfolgenden Herzoghauses von Sachsen-Coburg und Gotha seit 1825 in Katalogen und stellten die Bücher ohne Berücksichtigung des ursprünglichen Sammlungszusammenhangs in der Herzoglichen Bibliothek auf: Das von Ekhof geschriebene „Komoedien und Operetten-Verzeichniß“, das auch als sein Tagebuch angesprochen werden kann (FBG, Chart. A 1287), das von ihm geführte Gagenquittungsbuch (FBG, Chart. B 1557) sowie die handschriftlichen Rollenbücher, die an ihrem einfachen Einband aus gestrichenem Kleisterpapier zu erkennen sind, kamen in die Handschriftensammlung. Von diesen Rollenbüchern konnten bislang knapp 100 Bände als zum Nachlass Ekhofs gehörend im Verbundkatalog Kalliope, dem nationalen Nachweisinstrument für Autographen, Nachlässe und Verlagsarchive, verzeichnet werden.

Die gedruckten Werke wurden in die systematische Aufstellung der Druckschriften übernommen. So findet sich heute dort ein aus dem Nachlass Ekhofs stammendes Widmungsexemplar des mit seinem bürgerlichen Liebhabertheater und seinen Übersetzungen von Bühnenstücken in Erscheinung getretenen Schriftstellers Friedrich Wilhelm Gotter (1746–1797; FBG, Poes 8° 2445). Unter den Druckschriften sind auch die von Reichard herausgegebenen Theaterperiodika überliefert, die von der intensiven Rezeption der zeitgenössischen deutschen und europäischen Theaterlandschaft am Gothaer Hof und insbesondere durch Reichard zeugen. Zugleich hatte Reichard mit ihnen die am literarischen und Theaterleben interessierte deutsche Öffentlichkeit an den Gothaer Entwicklungen und an Conrad Ekhofs Schauspielkunst teilhaben lassen.

Verfasserin: Dr. Kathrin Paasch, 10.8.2020

Zitierte Literatur und weitere Literatur in Auswahl:

Devrient, Eduard: Geschichte der deutschen Schauspielkunst, 2. Band, Leipzig 1848.
Dobritzsch, Elisabeth: Barocke Zauberbühne. Das Ekhof-Theater im Schloß Friedenstein Gotha, Weimar 2004.
Ehwald, Rudolf: Ekhofs literarischer Nachlass, in: Mitteilungen der Vereinigung für Gothaische Geschichte und Altertumsforschung (1916), S. 50–66.
Ekhof, Konrad: Unmassgebliche Erinnerungen bey dem Plane der allhier zu errichtenden stehenden Schauspielergesellschaft 1775, in: Carla Pietschmann, Konrad Ekhof. Theaterwissenschaftliche Rekonstruktion einer Schauspielerpersönlichkeit aus dem 18. Jahrhundert, Berlin 1956. Typoskript, S. 297–300.
Jacobs, Friedrich: Catalogus Bibliothecae Ernestinae, Gotha, 1816–17 (FBG, Chart. A 2321).
Jacobsen, Roswitha: Schloss Friedenstein in Gotha, in: Dies. (Hg.): Die Residenz-Schlösser der Ernestiner, Bucha bei Jena 2009, S. 81–98.
Kalliope-Verbundkatalog: https://kalliope-verbund.info/de/index.html (Stand: 10.08.2020)
Klinger, Andreas: Vom „hausväterlichen“ zum „aufgeklärten“ Hof. Die Gothaer Hofhaltungen im 17. und 18. Jahrhundert, in: Werner Greiling (Hg.), Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Ein Herrscher im Zeitalter der Aufklärung. Köln 2005, S. 145–168.
Paasch, Kathrin: „Unter die Preße und ins Publikum“. Der Schriftsteller, Publizist, Theaterintendant und Bibliothek Heinrich August Ottokar Reichard (1751–1828). Gotha 2008.
Dies.: „Der ich nun siebenzehn Jahre dritter Bibliothekar ohne Besoldung bin“. Heinrich August Ottokar Reichard als Hof-, Theater- und Privatbibliothekar in Gotha, in: Museum für Regionalgeschichte und Volkskunde (Hrsg.), „Unter die Preße und ins Publikum“, Gotha 2009, S. 193–206.
Dies.: Die Sammlung zur Theatergeschichte des Herzoghauses von Sachsen-Gotha-Altenburg in der Forschungsbibliothek Gotha. Zur Profilierung einer hidden collection, in: Friedegund Freitag (Hg.): Conrad Ekhof und das Gothaer Hoftheater. Petersberg 2020 (in Vorbereitung).
Reichard, Heinrich August Ottokar: „Verzeichniß der herzogl[ichen] Theater-Bibliotheck an gedruckten und abgeschriebenen Büchern, Musikalien und vorräthigen Rollen“, o.O.u.J. [Gotha, vor 1778] (FBG, Chart. A 1285).
Theater-Journal für Deutschland (1780).
Uhde, Hermann (Hg.): H. A. O. Reichard (1751–1828). Seine Selbstbiographie. Stuttgart 1877.
Unger, Thorsten: „Es ist theatralischer Unsinn.“ Die Emilia-Galotti-Lektüre des Prinzen August von Sachsen-Gotha und Altenburg, in: Lessing Yearbook 31 (1999), S. 11–37.
Verzeichnis der Herzoglichen Theaterbibliothek, o.O. [Gotha] 1779 (StAG Geheimes Archiv XX VI, 78).

 

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