Hegel-Kritik aus Gotha

Forschungsbibliothek Gotha/ September 2, 2020

Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 17

Vor einigen Tagen, am 27. August 2020, wurde der 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) gefeiert. Der berühmte deutsche Philosoph ist auch in Thüringen kein Unbekannter. Er kam 1801 nach Jena, um sich dort für eine Dozententätigkeit in der philosophischen Fakultät zu qualifizieren. Hierfür verfasste er die Dissertatio Philosophica de orbitis planetarum (Philosophische Dissertation über die Planetenbewegungen), die noch im selben Jahr in Jena veröffentlicht wurde. In dieser Arbeit beschäftigte sich Hegel hauptsächlich mit den Gesetzen der Planetenbewegung von Johannes Kepler (1571–1630) und der Himmelsmechanik von Isaac Newton (1642–1727), dem er vorwarf, die Planetengesetze mit geometrisch-mathematischen statt mit physikalischen Gründen bewiesen zu haben. Hegel setzte hiergegen die „wahre“ Philosophie, die a priori (d.h. allein aus der Vernunft durch logisches Schließen gewonnen) ableiten könne, was andere erfolglos aus Experimenten zu erkennen sich bemühten. Dieser Fundamentalangriff gegen die Experimentalwissenschaften gipfelte in Hegels Behauptung, dass Maß und Zahl der Planten und ihrer Abstände in der Natur mit der Vernunft verbunden seien. Aus diesem Naturgesetz folgerte Hegel auf die Anzahl von nur sechs Planeten in unserem Sonnensystem. Gegen die These zahlreicher namhafter Astronomen seiner Zeit behauptete er ausdrücklich, dass es zwischen Mars und Jupiter keinen weiteren Planeten geben könne. Das Problem war nur, dass der Astronom Guiseppe Piazzi (1746–1826) wenige Monate zuvor exakt in diesem Teil des Universums den Kleinplaneten Ceres entdeckt hatte.

Hier kommt nun der Gothaer Hof ins Spiel, weshalb es lohnt, hier an diesen, von der Forschung (vgl. die Beiträge von Betten und Bucher) zwischenzeitlich gut aufgearbeiteten Konflikt zwischen Philosophie und Naturwissenschaft zu erinnern.

Abb.1: Porträt des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. © Forschungsbibliothek Gotha (CC BY-SA 4.0).

Das Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg war nicht nur einer der vier Nutritoren („Ernährer“) der Universität Jena. Auch wenn man sich nicht mehr direkt in die Besetzung der Posten einmischte, so war die Zustimmung der Herzöge gleichwohl erforderlich. So hat man sich gemeinsam für die Ernennung Hegels zum außerordentlichen Professor ausgesprochen, da dieser, wie es in einem Brief vom 30. November 1804 von Herzog Carl August von Sachsen-Weimar an seinen Vetter Herzog August von Sachsen-Gotha heißt, „das Feld der Philosophie mit Scharfsinn bearbeitet und günstige Hoffnungen erreget“ hat (zitiert nach Kimmerle, S. 46). 1806 genehmigte man Hegel eine deutliche Gehaltserhöhung, um ihn in Jena zu halten. Zugleich war der Gothaer Hof eine Hochburg der Astronomie, überhaupt eine Stätte der Naturwissenschaften. Hier ließ Herzog Ernst II. (1745–1804) 1790 unter Anleitung seines Offiziers und Hofastronom Franz Xaver von Zach (1754–1832) die Sternwarte in Siebleben errichten. Hier fand 1798 der erste europäische Astronomenkongress statt.

Abb. 2: Seite aus der „Monatlichen Correspondenz“ von April 1802. © Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (CC BY-SA 4.0).

Hegels Dissertation fand 1801 den Weg nach Gotha und wurde sogleich von Ernst II. gelesen. Und was vermerkte dieser auf dem Vorsatzblatt seines Exemplars in lateinischer Sprache? „Monumentum insaniae saeculi decimi noni“ (Monument des Wahnsinns des 19. Jahrhunderts). Ernst II. hielt von dieser Art von Philosophie, die sich nicht auf die Experimente der Naturwissenschaften stützt, offensichtlich gar nichts. Doch damit nicht genug der Kritik aus Gotha. Ernst II. reichte die Dissertation an Zach weiter, der 1802 in der Zeitschrift „Monatliche Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde“ zu einem Rundumschlag gegen diese Art von Philosophie ausholte. Ohne Hegel beim Namen zu nennen, kritisierte er „solche Leute“, die sich anmaßten, Newton zu kritisieren, „dessen Lehren noch immer die glänzendsten Entdeckungen im Weltsystem“ veranlassten, während ihre „Hyperphysik“ und „Träumereien“ dergleichen Entdeckungen geradewegs verhindern würden (S. 334). Wörtlich heißt es dann weiter: „Was würde aus unserer Physik und Astronomie werden, wenn ein solcher Geist überhand nähme? Ist es nicht jedes rechtschaffenen denkenden Mannes Pflicht, gegen einen solchen literarischen Vandalismus zu Felde zu ziehen!“ (Ebd.) Es sei gerade die „wahre“ Physik und die „wahre“ Astronomie, die eine solche „falsche“ Philosophie in ihre Schranken weise.

Was lernen wir hieraus? Am Gothaer Hof hielt man nichts von philosophischen Spekulationen und metaphysischem Geschwätz.

Verfasser: Dr. Sascha Salatowsky, 1. September 2020

Bibliographie:
Betten, Thomas: Hegel als Philosoph der Naturwissenschaften. Online-Beitrag (veröffentlicht am 6. August 2020): https://www.palitzschgesellschaft.de/2020/08/06/hegel-als-philosoph-der-naturwissenschaften/ [letzter Zugriff: 1. September 2020].
Bucher, Theodor G.: Wissenschaftstheoretische Überlegungen zu Hegels Planetenschrift, in: Hegel-Studien 18 (1983), S. 65–137.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Dissertatio Philosophica de orbitis planetarum. Jena 1801. FB Gotha, Math 8° 398/1. Hinweis: Das Exemplar ist aufgrund der Turmsperrung aktuell nicht verfügbar.
Kimmerle, Heinz: Dokumente zu Hegels Jenaer Dozententätigkeit, in: Hegel-Studien 4 (1967), S. 21–99.
Zach, Franz Xaver von: Monatliche Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde, 5. Bd., April 1802 (Gotha), S. 333–342. Online-Ausgabe: https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jpjournal_00001153?XSL.referer=jportal_jpvolume_00200586 [letzter Zugriff: 1. September 2020].

 

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