Der vergessene Nachfolger Philipp Melanchthons – Ein Nachtrag zum 450. Todestag von Paul Eber (1511–1569)

Forschungsbibliothek Gotha/ Dezember 10, 2020

Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 23.

Am 10. Dezember 2019 jährte sich zum 450. Mal der Todestag des Philologen, Dichters, Geschichtsschreibers, Naturkundlers und Theologen Paul Eber, der mit Philipp Melanchthon (1497–1560) und den anderen Reformatoren in Wittenberg Hand in Hand gearbeitet hatte. Das Jubiläum ging jedoch fast spurlos vorbei. Allein der dänische Theologe Jens Lyster würdigte Eber in diesem Jahr mit einer grundlegenden Studie zu dessen beliebtem Kirchenlied „Herr Jesu Christ, wahr’ Mensch und Gott“. Welche Bedeutung ist Eber zuzumessen und warum ist er in Vergessenheit geraten? 

Abb. 1: Porträt von Paul Eber.

Wirkungsgeschichtlich befindet sich Paul Eber an einer Schnittstelle der Wittenberger Reformation: Er agierte noch direkt mit den großen Gestaltern der ersten Generation, gehörte aber zugleich zu den entscheidenden Trägern und Fortführern der Reformen in der zweiten Generation. Er kam 1532 als Student nach Wittenberg und wohnte bis 1541 bei Melanchthon. Gemeinsam mit ihm verfasste er 1549 ein Lehrbuch für die Vorlesungen zur Physik und Astronomie unter dem Titel Initia doctrinae physicae und veröffentlichte 1550 das von seinem Mentor angeregte und später mehrfach aufgelegte und erweiterte Calendarium historicum. Eber wirkte neben seiner Lehrtätigkeit an der Philosophischen Fakultät auch als Melanchthons Sekretär. 

Darüber hinaus kam ihm die Rolle eines Bindeglieds bei der Kommunikation zwischen Melanchthon und dessen zahllosen Korrespondenzpartnern zu. Dies geht aus mehreren Briefen hervor, die sich in Ebers Nachlass in der Forschungsbibliothek Gotha befinden. Wenn  Melanchthon für eine längere Zeit nicht in Wittenberg anwesend war, gingen die an ihn gerichteten Briefe häufig zunächst an Eber. Als Melanchthon beispielsweise im Jahre 1541 mehrere Monate auf dem Regensburger Reichstag weilte, gelangte ein an ihn adressierter Brief des Gothaer Superintendenten Friedrich Myconius (1490–1546) nie in die Hände des intendierten Empfängers. Er befindet sich noch heute im Nachlass Ebers (Chart. A 123, Bl. 45r–46v), denn dieser beantwortete Myconius’ Anfrage direkt und informierte Melanchthon eine Woche später über den Inhalt des Briefes sowie die Erledigung der Angelegenheit (Chart. A 123, Bl. 79r–80v). Zudem verlief ein beachtlicher Teil der brieflichen Kommunikation zwischen Wittenberg und Joachimsthal, der reichen Bergbaustadt auf der böhmischen Seite des Erzgebirges, innerhalb einer Dreieckskonstellation: Der dortige Pfarrer Johannes Mathesius (1504–1565) schrieb häufig Briefe an Eber, in denen er Fragen und Bitten an Melanchthon formulierte, der ihm wiederum meist selbst antwortete. 

Nach dem Tod von drei der bedeutendsten Vertreter der ersten Reformatoren-Generation übernahm Eber mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit deren bisherige Aufgaben. So trat er zunächst 1557 die Ämter des langjährigen Professors der hebräischen Sprache und Schlosspredigers Johann Forster (1496–1556) an, der an der deutschen Übersetzung des Alten Testaments beteiligt gewesen war. Als Johannes Bugenhagen (1485–1558), der sich insbesondere bei der Neustrukturierung der Schulen und Kirchen in mehreren norddeutschen Städten und Territorien nach dem Wittenberger Modell Verdienste erworben hatte, 1558 starb, wurde Eber an seiner Stelle zum Stadtpfarrer und Oberaufseher des sächsischen Kurkreises gewählt. Als Wittenberger Stadtpfarrer war er für die Überprüfung und Ordination von neuen Pfarrern zuständig, die verschiedene lutherisch orientierten Gemeinden im Reich und darüber hinaus berufen hatten. Diese Tätigkeit dokumentierte Eber detailliert in einem Buch, das er zwischen 1558 und 1567 eigenhändig führte (Chart. B 18). Nach Melanchthons Tod 1560 übernahm er auch theologische Vorlesungen an der Universität Wittenberg. Zugleich avancierte Eber zum Zentralberater in Wittenberg für theologische, kirchenpolitische, liturgische und seelsorgerische Fragen sowie für Personalempfehlungen für geistliche, schulische und akademische Ämter in- und außerhalb Kursachsens. Schließlich wurde Eber zum wichtigen theologischen Vertreter seines Landesherrn Kurfürst August von Sachsen (1526–1586). In dieser Funktion bemühte er sich um eine Einigung der lutherischen Theologen, die über das Sakramentsverständnis und andere theologische Fragen zerstritten waren. Er starb am 10. Dezember 1569 in Wittenberg mit 58 Jahren. 

Ebers Bedeutung für die weitgespannten Beziehungen der Wittenberger Reformatoren vor allem in Mitteleuropa ist unter anderem der vergleichsweise hohen Anzahl der überlieferten Briefe aus seiner Korrespondenz zu entnehmen:

Eber kommt an dritter Stelle nach den beiden Autoritäten der Reformbewegung und vor drei bekannteren Theologen. Der überwiegende Teil von Ebers Korrespondenz stammt aus den Jahren zwischen 1560 und 1569. Nach ihm folgte keine vergleichbare Zentralfigur in Wittenberg mehr.

Wie konnte ein so bedeutender Akteur der Wittenberger Reformation dem kulturellen Gedächtnis entfallen? Dieses Phänomen lässt auf vier Hauptfaktoren zurückführen:

  1. Eber trat auf die Bühne der Geschichte erst nach den „großen Ereignissen“ der Reformation, wie z.B. der Veröffentlichung von Luthers 95 Thesen 1517, dem Bauernkrieg 1525 und der Überreichung der Confessio Augustana an Kaiser Karl V. durch die protestantischen Stände 1530. Vor Melanchthons Tod 1560 wirkte er häufig hinter den Kulissen.
  2. Eber veröffentlichte nur wenige Schriften.
  3. Als konzilianter und vermittelnder Theologe hielt sich Eber so weit wie möglich aus den polemischen Kontroversen seiner Zeit heraus; friedliche Verhältnisse werden jedoch ganz im Gegensatz zu Streitigkeiten selten dokumentiert.
  4. Ebers Kompetenzen mit besonders weitreichender Wirkung, z.B. seine zentrale Position in Wittenberg nach dem Tod Melanchthons, lassen sich nicht unter einem spezifischen Amt mit Titel subsumieren und sind deshalb schwer greifbar.

Abb. 2: Eigenhändiger Briefentwurf von Paul Eber die Landstände des Herzogtums Steiermark, Wittenberg, 1. April 1565.

Die Forschungsbibliothek Gotha hat es sich jedoch zur Aufgabe gemacht, diesem Vergessen entgegenzuwirken. Alle handschriftlichen Teile des Nachlasses sind bereits erschlossen und in Kalliope, dem Verbundkatalog für Nachlässe und Autographen in Deutschland, recherchierbar. Zudem sind alle Korrespondenzbände mit mehr als eintausend Briefen digitalisiert und in der Digitalen Historischen Bibliothek Erfurt/Gotha online verfügbar. Anlässlich des 500. Jubiläums der Geburt Ebers 2011 veranstaltete die Bibliothek eine internationale und interdisziplinäre Tagung, die das Leben und Wirken sowie die Rezeption Ebers schärfer als je zuvor beleuchtete. Daraus ist eine neue Grundlage für künftige Forschungen entstanden. Vor allem Studien zur Korrespondenz versprechen aufschlussreiche Erkenntnisse über das enge Zusammenwirken in Wittenberg in den ersten Jahrzehnten der Reformation sowie über diverse kirchliche Entwicklungen im Mitteleuropa in den Jahren danach.

Verfasser: Dr. Daniel Gehrt, 10.12.2020

Literatur:
Daniel Gehrt und Volker Leppin (Hrsg.): Paul Eber (1511–1569). Humanist und Theologe der zweiten Generation der Wittenberger Reformation (LStRLO 16). Leipzig 2014.
Katalog der Reformationshandschriften. Aus den Sammlungen der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’schen Stiftung für Kunst und Wissenschaft (Die Handschriften der Forschungsbibliothek Gotha 2). Beschrieben von Daniel Gehrt. Wiesbaden 2015.
Jens Lyster: Vom Gebet zum Lied. Paul Ebers „Herr Jesu Christ, wahr’ Mensch und Gott“, in: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 58 (2019), S. 136–157.
Christine Mundhenk: Johannes Mathesius und Philipp Melanchthon, in: Armin Kohnle und Irene Dingel (Hrsg.): Johannes Mathesius (1504–1565). Rezeption und Verbreitung der Wittenberger Reformation durch Predigt und Exegese. Leipzig 2017, S. 85–102.

Web:
Kalliope-Portal: https://kalliope-verbund.info (letzter Zugriff: 10.12.2020).
Briefbände in der Digitalen Historische Bibliothek Erfurt/Gotha (letzter Zugriff: 10.12.2020):
Chart. A 123: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00015940
Chart. A 124: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00026981
Chart. A 125: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00015941
Chart. A 125a: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00011308
Chart. A 126: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00027031
Chart. A 127: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00015942
Chart. A 128: https://dhb.thulb.uni-jena.de/receive/ufb_cbu_00027032

Abbildungen:
Abb. 1: Porträt von Paul Eber. FB Gotha, Biogr 8° 344/4 (1).
Abb. 2: Eigenhändiger Briefentwurf von Paul Eber die Landstände des Herzogtums Steiermark, Wittenberg, 1. April 1565. FB Gotha, Chart. A 128, Bl. 31r.

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