Ein unermüdlicher Literat in Gotha um 1800: Der Hofbeamte Schack Hermann Ewald (1745–1822)

Forschungsbibliothek Gotha/ Januar 19, 2021

Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 25

Ob Geografie oder Anthropologie, Poesie oder Theater, Theologie oder Philosophie, Gartenkunst oder Schachspiel: Der studierte Jurist Schack Hermann Ewald hat ein schier endloses Interesse gezeigt, indem er zu jedem einzelnen Schlagwort publizierte – und darüber hinaus. Ewald stellte ein „literarisches Potpourri“ zusammen, egal ob er dabei als Übersetzer, Herausgeber oder Verfasser fungierte. Am Ende seines Lebens sollten 16 Publikationen auf seine Handschrift zurückgehen, abgesehen von zwei Zeitschriften, die er über Jahre hinweg redaktionell betreute. Ewald, der ein Leben lang am herzoglichen Hof in Gotha arbeitete und alle Jahre wieder eine Beförderung erhielt, scheint nebenher ein unermüdlicher Literat gewesen zu sein. Was aber waren seine Beweggründe zu publizieren? In Anbetracht seines Œuvres scheinen es – grob eingeordnet – zwei Dinge zu sein: Während der „junge Literat“ des Geldes wegen schrieb, verfasste er seine Schriften später deutlicher im Zeichen eines aufklärerischen Ideals.

Abb. 1: Porträt von Schack Hermann Ewald, ohne Datum.

Das Leben des Schack Hermann Ewald beginnt schicksalshaft. Der 1745 in Gotha geborene Ewald verlor mit 9 Jahren seinen Vater, in seinem 11. Lebensjahr brach der Siebenjährige-Krieg (1756–1763) aus, der seine Jugend begleitete. Es scheint Glück im Unglück für die Familie gewesen zu sein, dass der Vater als Geheimer Kanzleiregistrator am gothaischen Hof tätig gewesen war und dadurch die Mutter Anna Clemence Mathomon mit vier Kindern am Hof noch einen Namen hatte. Nur mit herzoglicher Unterstützung war es dem jungen Ewald möglich, 1767 ein Jurastudium an der Universität in Erfurt aufzunehmen.

Nachdem er das Studium beendet hatte, nahm er seine erste Stellung als Hofmeister (für den Sohn des Gothaischen Bürgermeisters) an. Während dieser siebenjährigen Tätigkeit begegnet uns der Literat Ewald zum ersten Mal. Er ist äußerst tüchtig, schließlich bringt er insgesamt sieben Buchprojekte in dieser Zeitspanne zum Verlag.[1] Herausragend ist das Jahr 1775, in dem gleich drei Übersetzungen hintereinander erscheinen: Erstens Beschreibung von Patagonien und den angrenzenden Theilen von Südamerika, zweitens Lieder nach dem Lateinischen des Marcus Antonius Flaminius und drittens Orientalische Gartenkunst. Abseits seiner Tätigkeit als Übersetzer übt sich Ewalds aber auch in anderen literarischen Gattungen. 1778 legt er seinen Roman Der falsche Mord, ein Schauspiel in drey Aufzügen vor,[2] sein Theaterstück von 1781 trägt den Titel Heyrath aus Liebe. Ein Nachspiel.

Abb. 2: Karte von Südamerika, 1775.

Nicht unbeachtet sollten die Tätigkeiten als Herausgeber von Zeitschriften bleiben, mit denen der „junge“ Ewald in den 1770er Jahren begann. Ewald gab in Eigenregie das Gothaische Magazin der Künste und Wissenschaften von 1776 bis 1779 heraus, und sie sollte „gründliche Abhandlungen über entweder noch nicht, oder nicht genugsam bekannte und untersuchte Gegenstände aus dem Reich der Wissenschaften und Künste“[3] enthalten. In dieser Tradition scheint auch die Gothaische gelehrte Zeitung zu stehen, die 1774 gegründet 30 Jahre lang bestand und die als Rezensionsorgan alles – europaweit – kritisch besprach, was neu erschien.

All diese Publikationen sind nicht ausschließlich aufklärerischem Ideal entsprungen, sondern unterlagen auch ganz praktischen Gründen: Der „junge“ Ewald brauchte Geld. In einer eigens verfassten Kurzbiografie schreibt er:

Nun suchte ich meinen Unterhalt durch schriftstellerische Arbeiten zu verdienen, indem ich neben der Besorgung der hiesigen gelehrten Zeitungen, die mir Herr E t t i n g e r übertrug, theils eigene Sachen theils Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen in Druck gab.[4]

Die 1780er Jahre scheinen vom beruflichen Aufstieg am Gothaer Hof und finanzieller Entlastung geprägt zu sein. Die Ernennung zum Registrator beim Hofmarschallamte im Jahr 1783 bedeutete eine hervorgehobene Stellung innerhalb der Kanzlei. In Zuge dessen habe sich auch ein finanzielles Problem gelöst: „Nun konnte er sich trotz aller beruflichen Belastungen […] gezielter seinen geistigen Interessen zuwenden“, heißt es bei Horst Schröpfer.[5] Dieser Schein trügt allerdings: Ewald war noch 1785 in finanzieller Not, wie er in einem Brief schreibt. Seine Situation erklärt er unter anderem mit der Gründung einer Familie kurz zuvor. 1783 heiratete er die Tochter des Gothaer Baumeisters Josina Weidnar und im September 1784 bekamen sie das erste Kind.[6] Um den Unterhalt der Familie zu gewährleisten, publizierte er. In einem Brief an einen Freund, der sich auf Verlagssuche für Ewald begab, lesen wir:

Darf ich bey dieser Gelegenheit so frei seyn, mich wegen des Schicksals meiner Uebersetzung von Spinoza, wer der Verleger davon ist, und unter welchen Bedingungen dieser sie angenommen hat, zu erkundigen? Wenn es Ew. Wohlgebor. vermitteln könnte, daß ich das dafür bedungne Honorarium, oder einen Theil davon, bald bekäme, so würde Sie mir, da mir durch das Wochenbett meiner Frau, die einen tüchtigen Jungen zur Welt gebracht hat, mehr als gewöhnlich aufgegangen ist, eine besondere Gewogenheit erzeigen, die ich mit dem verbindlichsten Danke erkennen werde.[7]

Ewald hatte eine deutsche Übersetzung der philosophischen Schriften Baruch de Spinozas (1632–1677) angefertigt und versuchte nun händeringend einen Verleger zu finden. Dies war nicht einfach, schließlich galten Spinozas Schriften als äußerst religionskritisch und konnten so ein finanzielles Risiko für den Verleger darstellen. Schack erhoffte sich jedoch Erfolg, indem er seinen Freund und Verleger Johann Joachim Christoph Bode (1731–1793) um Unterstützung bat.[8] Zum Glück Ewalds fand sich ein Verleger wenige Monate nach dem Brief (1785). 1787 erklärte sich ein zweiter Verlag zum Druck bereit.[9]

Ewald war 42 Jahre alt, als seine Spinoza-Übersetzungen erschienen waren. Bis dato standen viele seiner Veröffentlichungen im Zeichen der Finanzen. Aber an der Spinoza-Ausgabe lässt sich auch erkennen, dass Ewald nicht nur des Geldes wegen schrieb, sondern auch im Zeichen eines aufklärerischen Ideals publizierte. Ein Blick in das Vorwort zur Spinoza-Ausgabe führt vor Augen, wie sehr Ewald die Stimme im religionsphilosophischen Diskurs seiner Zeit erhob:

Erschrick nicht, lieber Leser, über den Namen Spinoza. Er war ein lieber, guter, edler und frommer – aber auch ein aufgeklärter Mann. Und wenn meine Ahndungen mich nicht täuschen, wird bald eine Zeit kommen […] wo Spinoza […] eine weit stärkere Stütze des Ansehns der heiligen Schrift und des wahren christlichen Glaubens seyn wird, als manche orthodoxe Theologen, von welchen es einige zwar recht herzlich gut gemeint haben mögen, die aber allesammt verdrehte oder blinde Augen des Verstandes hatten.[10]

Aber auch an anderen Fragen beteiligte sich Ewald. Dass er das nicht mehr wegen einer finanziellen Notlage tun musste, lesen wir an seinen Beförderungen ab, während es um ihn als Literaten vergleichsweise ruhig wird. Ewald wird 1786 zum Sekretär beim Hofmarschallamte befördert, 1798 wird er zum Hofsekretär ernannt, 1803 erhält er den Titel eines Rates und 1812 denjenigen eines Hofrates.

Ewalds Beteiligung an philosophischen Diskussionen konzentrierte sich nunmehr in erster Linie auf Beiträge in Zeitschriften und auf kleine Aufsätze. Zum einen schrieb er weiterhin für die Gothaische gelehrte Zeitung zahlreiche Rezensionen, insbesondere zu Kant, zu dem er auch den Nekrolog verfasste: Horst Schröpfer spricht von Ewald als einem „Kantianer in der Thüringischen Residenzstadt Gotha[11]. Zum anderen diskutierte er jahrelang als Mitglied des Gothaer Illuminatenordens mit den Intellektuellen Gothas. Von seiner Nähe zum Orden zeugt besonders sein letzter „großer“ literarischer Auftritt. Im Alter von über 70 Jahren veröffentlichte er Die Allgegenwart Gottes.[12] Darin fasste er Überlegungen zusammen, die auf den Illuminatenkreis zurückgehen, die aber auch seine Vertrautheit mit Kant und Spinoza verdeutlichen.[13]

Abb. 3: Nekrolog von Ewald über Immanuel Kant, 1804.

Ob Abhandlung oder Untersuchung, Theaterstück oder Gedicht, Traktat oder Essay: Schack Hermann Ewald war ein schillernder Freund der Literatur um 1800, egal ob er dabei als Übersetzer, Herausgeber oder Autor tätig war. Warum sein Werk so „bunt“ ist, kann in aller Kürze zwar nicht beantwortet werden, es fordert aber eine Antwort heraus. Sicher ist aber, dass Ewalds Motivation zu schreiben einerseits in einem aufklärerischen Ideal lag, andererseits manchmal aber schlicht in finanziellen Nöten geschuldet war, denen entgegen geschrieben werden musste.

 

Verfasser: Jan-Luca Albrecht, 14. Januar 2021

Ich danke Dr. Sascha Salatowsky für die hilfreichen Anmerkungen zu meinem Beitrag.

 


[1] In dieser Phase war es bis auf eine Ausnahme der renommierte Gothaer Verleger Carl Wilhelm Ettinger (1741–1804).
[2] Der Roman erschien ausnahmsweise beim Verleger Georg Adam Reyser in Erfurt.
[3] Vgl. „Nachricht an das Publikum“, in: Gothaisches Magazin der Künste und Wissenschaften. 1, 1. 1776, o. P. Online abrufbar unter >http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/6707470<, am 14.01.2021.
[4] Schack Hermann Ewald: „Lebensbericht“ (Russisches Staatliches Militärarchiv / Sonderarchiv Moskau 1412-1-5432). Zitiert nach Horst Schröpfer: Schack Hermann Ewald (1745–1822) Ein Kantianer in der thüringischen Residenzstadt Gotha. Köln u.a. 2014, S. 30.
[5] Schröpfer: Ewald, S. 33f.
[6] Die Ehe brachte zwei weitere Kinder hervor: Am 23. Dezember 1786 wurde die erste Tochter geboren, „die jedoch bald starb“, vgl. Schröpfer: Ewald, S. 31. Am 23. Februar 1791 wurde der Sohn Wilhelm Heinrich Ewald geboren.
[7] Schwedenkiste, Bd. 4, Dok.-Nr. 099 (Ewald an Bode, 6.11.1784). Zitiert nach Martin Mulsow: „Diskussionskultur im Illuminatenorden: Schack Hermann Ewald und die Gothaer Minervalkirche“, in: Aufklärung 26 (2014), S. 153–203, hier: 174. Die Forschungsbibliothek Gotha bewahrt 37 Briefe aus der Korrespondenz des Hofbeamten Ewald auf. Meiner Kenntnis nach blieben sie bisher von der Forschung unberührt. Forscher*Innen dürfen sich eingeladen fühlen, sich diesem Desiderat zu widmen. Es verspricht, so manchen Schluss auf Ewalds Person preiszugeben.
[8] Ewald und Bode kannten sich sehr gut, weil sie beide im Illuminatenorden waren. Martin Mulsow vermutet, dass „die Spinoza-Übersetzung in gewisser Weise als illuminatisches Unternehmen zu verstehen“ ist. Vgl. Mulsow: Diskussionskultur im Illuminatenorden, S. 174.
[9] 1785 erklärte sich die Schönfeld’sche Buchhandlung in Leipzig bereit, einen zweiten Band verlegte 1787 Christoph Friedrich Bekman in Gera. Vgl. Mulsow: Diskussionskultur im Illuminatenorden, S. 174.
[10] [Ewald, Schack Hermann]: Benedikt von Spinoza über Heilige Schrift, Judenthum, Recht der höchsten Gewalt in geistlichen Dingen, und Freyheit zu philosophiren. Aus dem Lateinischen. Gera 1787, S. III–IV.
[11] Schröpfer: Ewald.
[12] Zwei Jahre später erscheint ein zweiter Teil namens Eleusis, oder über den Ursprung und die Zwecke der alten Mysterien.
[13] Mulsow: „Gottes Allgegenwart. Die Seele – eine unveröffentlichte Ode von Schack Hermann Ewald“, in: Aufklärung 26 (2014), S. 191–207, hier: 201.

Abbildungsnachweise:

Abb. 1: Porträt von Schack Hermann Ewald. © Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Gotha CC 15/55.
Abb. 2: Thomas Falkner: Beschreibung von Patagonien und den angrenzenden Theilen von Südamerika. Aus dem Englischen von Schack Hermann Ewald. Gotha: Ettinger 1775. FB Gotha, Geogr 8° 4129/3 [Aus der Privatbibliothek von Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg].
Abb. 3: [Schack Hermann Ewald:] „Nekrolog. Immanuel Kant“, in: Gothaische gelehrte Zeitungen auf das neuzehnte Jahrhundert. Neuzehntes Stück, den 7. März 1804, S. 169. FB Gotha, Eph 4° 41/1-42/1 (1804).

Bibliographie:

Quellen:
[Schack Hermann Ewald:] „Nekrolog. Immanuel Kant“, in: Gothaische gelehrte Zeitungen auf das neuzehnte Jahrhundert. Neuzehntes Stück, den 7. März 1804, S. 169–171.
Online-Ausgabe:  https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=ggz&datum=18040307&seite=1&zoom=33 [Letzter Zugriff: 19.01.2021]

Forschungsliteratur:
Wilhelm Creizenach: „Ewald, Schack Hermann“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 6 (1877), S. 446. Online-Ausgabe: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100468691.html#adbcontent< [Zuletzt aufgerufen am 07.01.2021]
Martin Mulsow: „Diskussionskultur im Illuminatenorden: Schack Hermann Ewald und die Gothaer Minervalkirche“, in: Aufklärung 26 (2014), S. 153–203.
Martin Mulsow: „Gottes Allgegenwart. Die Seele – eine unveröffentlichte Ode von Schack Hermann Ewald“, in: Aufklärung 26 (2014), S. 191–207.
Horst Schröpfer: „Der ,Nekrolog Immanuel Kantʻ von Schack Hermann Ewald in den Gothaischen gelehrten Zeitungen“, in: Aufklärung 21 (2009), S. 279–288.
Horst Schröpfer: Schack Hermann Ewald (1745–1822) Ein Kantianer in der thüringischen Residenzstadt Gotha. Köln u.a. 2014.

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