Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 41

Eva-Maria Ansorg/ April 6, 2022

Kirchengeschichte mit europäischem Blick. Die Vorreiterrolle des Gothaer Historikers Ernst Salomon Cyprian

Verfasser: Dr. Daniel Gehrt, Forschungsbibliothek Gotha

 

1745 erschien der erste Band einer umfassenden Kirchengeschichte unter dem Titel „Nothwendige Verthaidigung der evangelischen Kirche wider die Arnoldische Ketzerhistorie“

Abb. 1: Titelblatt des Buches „Nothwendige Verthaidigung der evangelischen Kirche“ (1745). FBG, Theol 2° 269/4 (3).

Es war das Lebenswerk des Gothaer Kirchenrats, Bibliothekdirektors und Historikers Ernst Salomon Cyprian (1673–1745), das sein langjähriger Assistent Georg Grosch 1740 übernommen und wenige Monate vor Cyprians Tod veröffentlicht hatte. Einer der ersten Rezensenten dieses Werks hob hervor, dass die Darstellung von der Verbreitung des Protestantismus durch Europa in ihrer Ausführlichkeit und in ihrem systematischen Ansatz beispiellos gewesen sei. Wo erhielt der Gothaer Historiker die Inspiration für einen solchen weiten und wegweisenden Blick?

Abb. 2: Christian Schilbach: Ölgemälde mit Porträt von Ernst Salomon Cyprian (vor 1733). FBG, Inv.-Nr. 817.

Sein Bildungswerdegang begann in den Schulen in Salzungen und Schleusingen. 1692 wurde er an der Universität Leipzig und im Sommer des gleichen Jahres an der Universität Jena immatrikuliert. Hatte er den Schwerpunkt seiner Studien anfangs auf die Medizin gesetzt, verlegte er diesen Ende 1693 auf die Theologie. Im Laufe der Jahre wandte er sich zunehmend der Kirchengeschichte zu. 1698 ging er nach Helmstedt, wo er im folgenden Jahr eine außerordentliche Professur für Geschichte und Logik erhielt.
1700 beriefen die ernestinischen Herzöge Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1676–1732) und Heinrich von Sachsen-Römhild (1650–1710) Cyprian als Theologieprofessor an das Gymnasium Casimirianum in Coburg. Hier nahm er die Direktion der Bildungseinrichtung wahr und erhielt Förderung für seine historiographischen Arbeiten. Aufgrund seines Renommees als Historiker wurde er 1703 in die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin aufgenommen. Am 19. Dezember 1706 promovierte er zum Doktor der Theologie an der Universität Wittenberg. 1713 berief Herzog Friedrich II. Cyprian schließlich nach Gotha und machte ihn zu seinem Kirchenrat. In diesem Amt übte der Theologe eine Schlüsselposition in der Landeskirche aus und erhielt Einfluss auf die innerprotestantische Religionspolitik in Europa. Er nahm mehrere Kompetenzen am Hof auf Schloss Friedenstein wahr, einschließlich der Direktion der Herzoglichen Bibliothek. Später wurde er außerdem zum Direktor des Münzkabinetts, Vizepräsidenten des Oberkonsistoriums und Direktor der Waisenhäuser ernannt. Cyprians langjährige Tätigkeit im Dienst der Ernestiner endete mit seinem Tod am 19. September 1745 in Gotha.

Cyprian hatte sich durch seine Kritik an der „Unpartheyischen Kirchen- und Ketzerhistorie“ früh einen Namen als Historiker gemacht. Dieses bahnbrechende und zugleich heiß umstrittene vierteilige Werk hatte der radikale Pietist Gottfried Arnold (1666–1714) 1699 bzw. 1700 in zwei imposanten Bänden publiziert. Es gilt als das erste monumentale Geschichtswerk, das von einem konfessionell unabhängigen Standpunkt aus verfasst wurde. Grundsätzlich richtete Arnold seine Kritik gegen die institutionell und rechtlich etablierte sowie dogmatisch und liturgisch verfestigte römisch-katholische, lutherische und reformierte Kirche. Nach Arnold verlief die Kontinuitätslinie des wahren Christentums von der apostolischen Zeit bis zur Gegenwart nur bedingt über die sichtbare Kirche. Eine solch tragende Rolle spielten seiner Meinung nach vor allem einzelne Personen und kleinere Gruppierungen, auch diejenigen, die in den Augen der etablierten Kirchen als Ketzer oder Heterodoxe galten. Arnold wandte sich prinzipiell gegen die Verketzerung von Menschen sowie gegen Bekenntnis- und Gewissenszwang.
Die „Ketzerhistorie“ stellte für Cyprian eine Gefahr für das Seelenheil der Menschen und für die Gesellschaft im Allgemeinen dar, da sie konfessionell indifferenten Gruppierungen, Kritikern der Amtskirchen und Separatisten quellenfundierte historische Argumente für ihre Anliegen in die Hände lege und somit den zunehmenden Libertinismus und Atheismus in der Gesellschaft befördere. Cyprian war deshalb seit 1699 entschlossen, die Integrität der evangelischen Kirche durch eine umfassende Gegendarstellung der Geschichte des Christentums von 1500 bis 1700 zu verteidigen. Er arbeitete mehr als 40 Jahre an seiner „Nothwendigen Verthaidigung“. Vollendet wurde lediglich die Widerlegung der ersten 16 Kapitel zur Geschichte des 16. Jahrhunderts. Das siebte Kapitel widmete sich die Ausdehnung der Reformation durch Europa. Cyprian hielt sich akribisch an die von Arnold vorgegebene 24gliedrige Struktur dieses Kapitels. Im Unterschied zu Arnold machte er aber daraus einen besonderen Schwerpunkt seiner historischen Darstellung. Während er diesem Themenkomplex 238 Folioseiten widmete, füllte das entsprechende Kapitel in der ersten Ausgabe von Arnolds „Ketzerhistorie“ lediglich 13 Folioseiten. Cyprian verfolgte die Ausbreitung der Reformation von Mitteldeutschland nach Norden und Osten bis nach Preußen und Danzig und dann in mehreren einflussreichen Städten und kleineren Territorien. Schließlich wandte er sich den Randgebieten der Bewegung im Habsburgerreich zu, die sich von Böhmen bis Slowenien erstreckten. Es folgten die Schweiz, die Niederlande, die skandinavischen Königreiche, England, Ungarn, das Baltikum, Moskau, Spanien, Italien und Frankreich.

Cyprian hatte Europa auch als Kirchenrat am Gothaer Hof stets im Blick, denn er spielte eine Schlüsselrolle in der gesamtlutherischen Schutzpolitik seines Landesherrn Friedrich II. Aus Cyprians umfangreicher Korrespondenz geht hervor, dass der Gothaer Hof sich bemühte, Informationen über den Zustand der lutherischen Kirchen im Deutschen Reich und in den Königreichen Dänemark-Norwegen und Schweden zu sammeln und isolierte Gemeinden im Russischen Reich, in Großpolen, Schlesien, West- und Nordungarn, Genf, den Niederlanden und London zu unterstützen. Die Aufforderung an die lutherischen Gemeinden in ganz Europa, sich aktiv an den Feierlichkeiten zur Zweihundertjahrfeier der Reformation 1717 zu beteiligen, und die Dokumentation dieser Feierlichkeiten in einem umfangreichen Druck mit dem Titel „Hilaria evangelica“ sind herausragende Beispiele dieser Politik.

Eine weitere Inspiration für Cyprians umfangreiche Darstellung der Ausbreitung des Luthertums in Europa war vermutlich der niederländische Naturrechtstheoretiker Hugo Grotius (1583–1645). Neben dem Rationalismus bildeten die Zeugnisse der Geschichte eine wichtige Säule seiner Argumentationsstrategie. Dazu gehörten auch Wunder, wie sie von Christus und den Aposteln vollbracht worden seien. Ausgehend von der Prämisse, dass die beste oder wahre Religion diejenige ist, die am weitesten verbreitet ist, stellte Grotius die explosionsartige Ausbreitung der christlichen Religion in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens als ein Wunder oder Manifestation der göttlichen Vorsehung dar. Analog dazu bezeichnete Cyprian in seiner Geschichte des Augsburger Bekenntnisses die Ausbreitung des „gereinigten“ Wortes Gottes in ganz Europa im 16. Jahrhundert und dann nach Indien und in die Neue Welt als „wunderbar“ oder „wundersam“ im Sinne, dass sie wie durch ein Wunder geschehen sei. Er sah dies als Beweis dafür an, dass Gott seine schützende Hand über die reformatorische Bewegung gehalten und ihr Gedeihen gefördert habe. Aus diesem Grund bemühte sich Cyprian bei jeder Gelegenheit, die weite Ausbreitung, Stärke und Festigkeit der lutherischen Kirchen zu betonen. Dies war zum Beispiel einer der Hauptbeweggründe für die bereits erwähnte ausführliche Dokumentation der Feierlichkeiten zum zweihundertjährigen Reformationsjubiläum.

Der weite Blick des Gothaer Historikers ist auch in den heutigen Sammlungen der Forschungsbibliothek Gotha deutlich zu sehen. Die dort aufbewahrten Quellen zur Kirchengeschichte von der Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert bis Mitte des 18. Jahrhunderts sind stark europäisch ausgerichtet.

veröffentlicht 06.04.2022

Literatur

  • Daniel Gehrt: Arguing for the Moral Necessity of Reformation History. Ernst Salomon Cyprian’s Historiographic Use of Natural Law in Defense of the Lutheran Church, in: Ders. und Sascha Salatowsky (Hrsg.): Reforming Church History (in Vorbereitung).
  • Daniel Gehrt: Gottfried Arnold und Ernst Salomon Cyprian im Ringen um die historische Deutung des Christentums seit der Reformation, in: Sascha Salatowsky (Hrsg.): Im Kampf um die Seelen. Glauben im Thüringen der Frühen Neuzeit. Katalog zur Ausstellung der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt vom 30. April bis 9. Juli 2017. Gotha 2017, S. 51–59.
  • Katalog der Handschriften aus dem Nachlass Ernst Salomon Cyprians (1673–1745). Aus den Sammlungen der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’schen Stiftung für Kunst und Wissenschaft sowie aus den Beständen des Landesarchivs Thüringen – Staatsarchiv Gotha und der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Gotha, Augustinerkloster, bearbeitet von Daniel Gehrt. Wiesbaden 2021.

Web

Zitierhinweis

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  • Gehrt, D., Kirchengeschichte mit europäischem Blick. Die Vorreiterrolle des Gothaer Historikers Ernst Salomon Cyprian In: Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 41, Blog der Forschungsbibliothek Gotha (06.04.2022), https://blog-fbg.uni-erfurt.de/2022/03/notizen-aus-dem-gothaer-bibliotheksturm-folge-41, CC BY-SA 4.0
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