Blog der Forschungsbibliothek Gotha
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„Gehörig ausgeplündert“. Der Abtransport der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek 1946




Anfang Januar 1946 kündigte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek Gotha an, ihren Bestand als Kriegsbeute des Zweiten Weltkriegs in die Sowjetunion abzutransportieren. Die Bibliothek war von Soldaten der Roten Armee besetzt worden, die zur Arbeit zugelassenen Bibliotheksmitarbeitenden mussten mit dem Zählen der Bücher für den Abtransport beginnen.


Die deutschen Verantwortlichen versuchten umgehend, die Aktion zu verhindern. Der für die Erfassung der Kriegsschäden zuständige Hermann Henselmann (1905–1995) und der amtierende Bibliotheksleiter Eberhard Schenk zu Schweinsberg (1893–1990) informierten die Thüringer Landesregierung und den Thüringer Landespräsidenten Rudolf Paul (1893–1978). Der Kommunist und Journalist Otto Geithner (1876–1948), der im Oktober 1945 als Verwaltungsdirektor der Gothaer Anstalten für Kunst und Wissenschaft eingesetzt worden war, lieferte Argumente gegen den Abtransport. Diese wurden von deutscher Seite nachdrücklich bei der SMAD vorgetragen. So appellierte Rudolf Paul an den Chef der Sowjetischen Militäradministration Thüringens, die Bibliothek sei nicht mehr im Besitz des inhaftierten Kriegsverbrechers und ehemaligen Herzogs von Sachsen-Coburg und Gotha, sondern mittlerweile in Volkseigentum überführt.


Am 23. Januar 1946 traf der für die Demontage der Bibliothek Verantwortliche, Grigorij Grigorjevič Kričevskij (1910–1989), in Gotha ein. Der Bibliothekswissenschaftler, der im Zweiten Weltkrieg als Militärübersetzer im Einsatz gewesen war, zählte zu den etwa 12.000 sowjetischen Fachleuten, die Kulturgüter aus der Sowjetischen Besatzungszone in die Sowjetunion verbrachten. Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften der UdSSR war er von September 1945 bis Juni 1946 auf „Geschäftsreise“ in Mitteldeutschland unterwegs.1 1I. L. Belenkij, „Vnikat' v nazvanija neizvestnich knig...“ (Pamjati G. G. Kričevskovo), in: Bibliotekovedenie i bibliografija za rubežom 130 Heft 127 (1990), S. 66–76. Als Kenner des deutschen Bibliothekswesens verschaffte er sich einen schnellen und fundierten Überblick über die Sammlung. Kričevskij beschrieb sie als kleinere Bibliothek im Vergleich zu Berlin, München und Dresden, jedoch als eine der kostbarsten Bibliotheken Deutschlands.


Der Abtransport der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek Gotha war Teil der koordinierten Kulturgutverlagerungen in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands zwischen 1945 und 1948. Die Besatzungsmacht war nicht daran interessiert, Spuren ihrer Aktivitäten zu hinterlassen. Nur zwei sowjetische Schriftstücke sind in Gotha erhalten. Dazu zählt die hier zu sehende Aktennotiz über einen nicht ordnungsgemäß versiegelten Bibliotheksraum, der die Unterschrift Kričevskijs trägt.



Abb.: Grigorij Grigorjevič Kričevskij, Akt. My, nižepodpisavšiesja […]. Gotha, 22.3.1946. 21 x 15 cm. FB Gotha, Brauner Kasten 1.1


Kurz nachdem Kričevskij in Gotha eingetroffen war, kam das Zählen und Einpacken der Bücher ins Stocken, weil keine Transportkisten zur Verfügung standen. Zwei Wochen später erhielt er zwar die Kisten, aber zugleich den Befehl des Verwaltungschefs der Sowjetischen Militäradministration Thüringens, die Bibliotheksdemontage zu unterbrechen. Grund dafür war der seitens der Thüringer Landesregierung erneut eingereichte Protest gegen den Abtransport. Denn Otto Geithner hatte am 28. Januar 1946 an den Landespräsidenten Paul ein Telegramm geschickt, um den drohenden „Totalverlust“ der Bibliothek und der übrigen Gothaer Kunstsammlungen abzuwenden.2 2Otto Geithner an die Thüringer Präsidialkanzlei, Telegramm über den Abtransport der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek Gotha. Gotha, 28. Januar 1946 (LATh HStA Weimar, Thüringisches Volksbildungsministerium, C 1377, f. 114r).


Aufgrund des Protestes der Thüringer Landesregierung setzte die SMAD eine sowjetische Kommission ein, welche die Rechtmäßigkeit des Abtransports ermitteln sollte. Doch der Abtransport war längst beschlossen. Mit der Direktive Nr. 6/01556 der SMAD vom 28. Februar 1946 wurde der Status der Bibliothek „als Kriegsbeute“ endgültig bekräftigt.3 3Protokoll der Kommission der Sowjetischen Militäradministration des Landes Thüringen, die die Zugehörigkeit des Museums und der Bibliothek des Herzogs von Coburg in Gotha untersucht hat, o. O., 19.2.1946 (Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii Moskva, f. 7184, op. 1, d. 13, f. 14r–16r). Deutsche Übersetzung unter: https://kunstraub-und-beutekunst.de/sites/default/files/uebersetzungen/%C3%9Cb._GARF_R-7184_1_13_14-16_0.pdf 4 (Stand: 08.06.2022). Kričevskij ließ noch am selben Tag die Verpackungsarbeiten fortsetzen. Die Bücher wurden vom 7. März bis 6. April 1946, also innerhalb eines Monats, verpackt.


Doch der politisch erfahrene Geithner hatte im Gespräch mit der sowjetischen Kommission geringe Spielräume für den Erhalt eines Teils der Bibliothek in Gotha ausgemacht. Aufgrund des engagierten Handelns der Deutschen machte die Besatzungsmacht schließlich Zugeständnisse. 36.114 der insgesamt etwa 300.000 Bände durften in Gotha verbleiben. Der Abtransport der Bibliothek erfolgte am 12. April 1946 auf einem sowjetischen Militärzug in die Akademie der Wissenschaften der UdSSR nach Leningrad. An diesem Tag reiste Kričevskij weiter zu seinem nächsten Auftrag. Mit den in Gotha verbliebenen Bänden wurde 1948 die Landesbibliothek Gotha wiedereröffnet.


Nach dem Abtransport warf Otto Geithner sein Wirken in der deutschen Arbeiterbewegung und die langjährige Haft im Konzentrationslager gegenüber dem SMAD-Chef in die Waagschale und zeigte noch einmal sein ganzes Unverständnis über das Handeln der mit den deutschen Kommunisten Verbündeten: „Die Enteignung des Kunst- und Bildungsmittelbesitzes trifft nicht den ehemaligen Herzog […], sondern das Volkseigentum und die öffentlichen Bildungsmöglichkeiten des Staates, was bedauerlich ist“.4 5Otto Geithner an den Obersten Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, Georgi Konstantinovič Žukov. Gotha, 23.4.1946 (Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Schriftgutsammlung, Nachlass Geithner Nr. 32026 T15, Nr. 251, f. 3–7; hier: f. 5r, 6r). Ein Antwortschreiben ist nicht bekannt. An anderer Stelle schrieb er, die Besatzungsbehörden hätten die Bibliothek „gehörig ausgeplündert“.5 6Geithner an Berta Seidel, o.O., 11.10.1946. Abgedruckt in Katja Vogel, Aus dem Nachlass von Otto Geithner, in: Gothaisches Museums-Jahrbuch (2003), S. 179–194, hier: S. 192.


Der größte Teil der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek Gotha kam 1956 wieder nach Gotha zurück.


Kathrin Paasch



Literatur





    • Kathrin Paasch, „… als Kriegsbeute anzusehen“. Der Abtransport der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek Gotha 1946, in: Timo Trümper (Hg.), Wieder zurück in Gotha. Die verlorenen Meisterwerke, Petersberg 2021, S. 42–51.




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