Vom sächsischen Kurfürsten zum biblischen König?
Ernestinische Bildpropaganda auf Bucheinbänden nach der Niederlage Johann Friedrichs I. 1547 im Schmalkaldischen Krieg
Der bußfertige König David, knieend vor der Erscheinung Gottes in den aufziehenden Wolken, zählt zu den beliebtesten biblischen Motiven für bildlich geprägte Bucheinbände des 16. und frühen 17. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum (Abb. 1). Rund 50 gravierte Messingplatten des mit Gott kommunizierenden Königs sind in der zentralen Einbanddatenbank bereits erfasst. In mehreren Fällen spielt David die Harfe, sein Hauptattribut neben der Krone (Abb. 2). Viel häufiger hat er aber Harfe und Zepter abgelegt und streckt seine Arme mit geöffneten Händen gen Himmel. Während fast alle dieser Darstellungen fest in der mittelalterlichen Bildtradition stehen, weichen drei bisher bekannte Platten davon ab.1Eine Platte (EBDB p001988) wurde 1548 für die Werkstatt Joachim Lincks in Halle hergestellt. Eine andere (EBDB p000953) benutzte ein Buchbinder mit den Initialen H. H. 1569. Die dritte (Paasch, Bucheinbände, S. 72f., Nr. 28), die sich in der Werkstatt des Jenaer Buchbinders Lukas Weischner befand, schmückt einen Band aus dem Jahr 1599 (FB Gotha, FB Gotha, Theol 4° 502/3).

Abb. 2: Platte aus der Werkstatt Joachim Lincks mit Darstellung von König David entsprechend der traditionellen Ikonographie, Halle 1548.
Die älteste wurde 1548 für die Werkstatt des mitteldeutschen Buchbinders Joachim Linck hergestellt, der häufig im Auftrag der sächsischen Kurfürsten arbeitete (Abb. 3). Bemerkenswert ist zunächst die hohe ästhetische und handwerkliche Qualität der Gravierung im Stil des kursächsischen Hofmalers Lucas Cranach (1472–1553). Im Unterschied zu herkömmlichen David-Darstellungen steht nicht eine Stadt im Hintergrund, die vermutlich Jerusalem darstellen soll, sondern ein steiler Berg mit Befestigungsanlage. Solche Landschaftsszenerie ist für Maler der sogenannten Donauschule wie Cranach charakteristisch. Auffällig ist zudem, dass der biblische König mit seinem knielangen, mit Pelz besetzten Brokatmantel und seinen mit Schlitzen und Puffen versehenen Ärmeln eine für die deutschen Höfe in der Mitte des 16. Jahrhunderts typische Tracht trägt. Dies ist ein Indiz dafür, dass es sich dabei möglicherweise um die Darstellung einer zeitgenössischen Person handeln soll. Auf Lincks Plattenstempel hat David seine Krone abgelegt, wobei er sie in der traditionellen Ikonographie meist auf dem Haupt trägt. Bei der Darstellung einer zeitgenössischen Figur im Beisein Gottes hätte eine solche Darstellung hochmütig und pietätlos gewirkt. Auch die Physiognomie des Königs ist ungewöhnlich. David erscheint meist schlank mit markanter Nase und Spitzbart im Seitenprofil, während die Gesichtszüge, die Frisur und die Barttracht der korpulenten Figur auf Lincks Platte an Cranachs ikonenhafte Porträts der drei sächsischen Kurfürsten seit der Reformation erinnern. Unklar bleibt jedoch, ob es sich um Friedrich den Weisen (1463–1525), Johann den Beständigen (1468–1532), Johann Friedrich den Großmütigen (1503–1554) oder alle drei handeln soll. Die Buchbinderplatte weist dennoch ein in dieser Ikonographie typisches Merkmal für Johann Friedrich auf: einen nach oben geneigten Kopf im Dreiviertelprofil. Wurde aber tatsächlich der Versuch unternommen, Johann Friedrich als König David darzustellen, und wenn ja, zu welchem Zweck?

Abb. 3: Platte aus der Werkstatt Joachim Lincks mit Darstellung von Herzog Johann Friedrich I. von Sachsen (?) als König David, Halle 1548.
Die Platte für Lincks Werkstatt entstand offenbar infolge des Schmalkaldischen Kriegs. Nachdem der ernestinische Kurfürst Johann Friedrich 1547 eine entscheidende Niederlage gegen den katholischen Kaiser erlitten hatte, geriet er in kaiserliche Gefangenschaft und büßte die sächsische Kurwürde sowie einen Großteil seines Territoriums ein. Der Kaiser versuchte 1548, mit Hilfe des sogenannten Augsburger Interims die protestantischen Städte und Territorien mit einigen wenigen Konzessionen zu rekatholisieren. Der zum Herzog degradierte sächsische Fürst lehnte diesen Religionsausgleich ab und stilisierte sich in verschiedenen Medien zum Märtyrer und unerschütterlichen Glaubensbekenner. Dabei wurde die Kriegsnarbe, eine Wunde auf der linken Wange, die sich Johann Friedrich kurz vor der Schlacht bei Mühlberg zugezogen hatte, zum markanten Sinnbild seiner Opfer für die ‚wahre Religion‘. Sie wurde zu einem unverwechselbaren Emblem, wie das Attribut eines Heiligen. Weit über 20 verschiedene Buchbinder in Süd- und Mitteldeutschland sind bekannt, die Platten mit Darstellungen dieses Fürsten, barhäuptig im Harnisch mit Kriegsnarbe und einem auf das Kurwappen gerichteten Schwert verwendeten. Sämtliche waren mit der folgenden Beschriftung versehen: „Victus eras acie fidei constanti a tandem victorem ante homines fecit et ante Deum“ (Abb. 4).2„Du, der mit dem Schwert besiegt wurde, giltst dennoch vor Menschen und Gott durch Standhaftigkeit im Glauben als siegreich“. Dieser Satz mit seiner klaren religiösen Botschaft wurde ausschließlich über Buchdeckel verbreitet. Das Plattenmotiv war somit ein wesentlicher Bestandteil von Johann Friedrichs medialer Kampagne, um seine machtpolitischen Verluste zu kompensieren.

Abb. 5: Illustrierter Einblattdruck mit Darstellung des „heiligen Bekenners“ Herzog Johann Friedrich I. von Sachsen, kniend vor dem Gnadenstuhl, Magdeburg [nach dem 3. März 1554].

Abb. 6: Silberne Medaille von Hans Reinhart d.Ä. (?) mit Darstellung von Herzog Johann Friedrich I. von Sachsen, kniend vor Gott, 1549.
Mehrere Analogien wurden zwischen diesem Fürsten und biblischen Figuren gezogen, einschließlich Daniel in der Löwengrube und Christus auf seinem Passionsweg. Offenbar der traditionellen David-Ikonographie entnommen, ohne jedoch weitere Attribute des biblischen Königs zu übernehmen, wurde Johann Friedrich seit 1548 in Graphiken (Abb. 5) und auf einer silbernen Medaille (Abb. 6), stehend oder knieend vor Gott in den Wolken dargestellt. Dabei sind die Arme ausgestreckt und die Handflächen zum Himmel gerichtet. Diese Haltung erinnert beispielsweise an Bildtypen des heiligen Franz von Assisi († 1226), als er die Stigmata empfing (Abb. 7), oder des heiligen Gregor (ca. 540–604), als Christus ihm bei der Messfeier erschien. Waren solche Epiphanien als Beweis für ihre Gottesnähe generell für biblische Figuren, Heilige und verstorbene Gläubige reserviert, wurde diese Bildsymbolik höchst selten auf lebende Personen angewandt.3Zur Porträtplatte des noch lebenden slowenischen Reformators Primus Truber vor dem Gnadenstuhl siehe Gehrt, Die Vermarktung einer Mission. Ferner ist zu beobachten, dass „Hoffnung“ bzw. „spes“ häufig ein zentraler Begriff der Begleittexte zu diesen Darstellungen von Johann Friedrich war. Dementsprechend lautet auch die Beschriftung von Lincks Platte: „DOMI[NVS] PROTECTOR OMNIVM SPERANT[IVM IN SE]“.4Der Herr ist der Beschützer aller, die auf ihn hoffen (Ps 17,31). Keine andere David-Platte mit diesem Psalmvers ist bekannt. Daraus lässt sich schließen, dass der Text mit besonderem Bedacht gewählt wurde und dass die Platte im Zusammenhang mit der propagandistischen Kampagne der Ernestiner nach ihrem dramatischen machtpolitischen Abstieg 1547 entstand. Eine Platte nach diesem Vorbild wurde bezeichnenderweise später für die Weischner-Werkstatt in Jena geschaffen, die seit 1559 als ernestinische Hofbuchbinderei diente (Abb. 8).5Die Beschriftung lautet: „VERITAS DE TERRA ORTA EST“ (Ps 84,12).

Abb. 7: Durchreibung einer flämischen Platte mit Darstellung des hl. Franz von Assisi, als er die Stigmata empfängt [Anfang des 16. Jahrhunderts].

Abb. 8: Platte aus der Werkstatt Lukas Weischners mit Darstellung von Herzog Johann Friedrich I. von Sachsen (?) als König David, Jena [benutzt 1599].
Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass die Darstellung von Johann Friedrich als König David zu den frühen Motiven gehörte, die die Ernestiner zur Bewältigung ihrer Niederlage und der existenziellen Bedrohung der evangelischen Kirchen im Reich durch das Augsburger Interim kreieren ließen. Sie war jedoch so vieldeutig, dass nicht alle Zeitgenossen die intendierte Aussage hätten aufschlüsseln können. Eine gewisse Verschleierung war durchaus angebracht, bewegte sich doch die Selbstdarstellung als biblische Figur an der prekären Grenze zwischen christlicher Nachahmung und Hochmut. Die Ernestiner förderten keine intensive Verbreitung dieses Motivs. Es wurde auch kaum rezipiert. Vielmehr setzten sie auf unverkennbare Bildnisse von Johann Friedrich, die einige Elemente des in der deutschen Einbandkunst beliebten Bildsujets von König David inkorporierten. So zeugt dieses Beispiel eindrucksvoll von der wechselseitigen Intermedialität zwischen bildlicher Einbandgestaltung und Graphiken.
Daniel Gehrt
Daniel Gehrt ist Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Erschließung frühneuzeitlicher Handschriften an der Forschungsbibliothek Gotha.
Online-Ressourcen
- Cranach Digital Archive. The Research Resource. URL: https://lucascranach.org.
- Einbanddatenbank. URL: https://www.hist-einband.de.
Literatur
- Carl C. Christensen: Princes and Propaganda. Electoral Saxon Art of the Reformation. Kirksville, Missouri 1992.
- Daniel Gehrt: Bucheinbände der deutschen Renaissance und ihre konfessionellen Prägungen, in: Andreea Badea, Bruno Boute, Birgit Emich und Christine Ott (Hrsg.): Konfessionelle Codierungen. Ambiguität und Vereindeutigung im 16. Jahrhundert. Köln 2026, S. 163–203. Open Access: https://www.vr-elibrary.de/doi/pdf/10.7788/9783412534103.
- Daniel Gehrt: Pictorial Renaissance Bookbindings of the German Reformation and the Domestication of Lucas Cranach’s Iconography. An Overlooked Medium of the German Reformation, in: Archiv für Reformationsgeschichte 113 (2022), S. 70–108.
- Daniel Gehrt: Die Vermarktung einer Mission. Einbände slowenischer und kroatischer Drucke mit Porträts von Primus Truber, Anton Dalmata und Stephan Consul, in: Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich. Sonderband: Festschrift für Rudolf Leeb zum 65. Geburtstag (2023), S. 131–142.
- King David in the Index of Christian Art, hrsg. von Colum Hourihane. Woodstock 2003.
- Konrad Haebler: Deutsche Bibliophilen des 16. Jahrhunderts. Die Fürsten von Anhalt, ihre Bücher und ihre Bucheinbände. Leipzig 1923.
- Konrad Haebler: Rollen- und Plattenstempel des XVI. Jahrhunderts, 2 Bde. Leipzig 1928/29.
- Kathrin Paasch (Hrsg.): „… so über die massen sauber in rothen Leder eingebunden“. Bucheinbände aus der Forschungsbibliothek Gotha. Katalog zur Ausstellung der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha im Spiegelsaal der Forschungsbibliothek Gotha auf Schloss Friedenstein 27. August bis 16. September 2010. Gotha 2010. Open Access: https://www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00052853/B-03710-46.pdf.
Abbildungsnachweis
- Platte mit David knieend vor Gott, benutzt 1587. FB Gotha, Druck, 8° 740, Vorderdeckel.
- Haebler, Deutsche Bibliophilen, S. 53f. Tafel XIXb. FB Gotha, Phil 2° 244/5.
- Platte aus der Werkstatt Joachim Lincks mit Darstellung von Herzog Johann Friedrich I. von Sachsen (?) als König David, Halle, 1548. Haebler, Deutsche Bibliophilen, S. 53f. Tafel XIXa. FB Gotha, Phil 2° 244/5.
- : Porträtplatte von Johann Friedrich I. von Sachsen als Märtyrer, [benutzt 1579 oder später]. FB Gotha, Theol 8° 345/2, Vorderdeckel.
- The German Single-leaf Woodcut 1550–1600. A Pictorial Catalogue, Bd. 2., hrsg. von Walter L. Strauss. New York 1975, S. 503. FB Gotha, AN 34500 S912–2.
- Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett, 18227901. Permalink: https://smb.museum-digital.de/object/162435 (letzter Zugriff: 30.04.2026).
- Durchreibung einer flämischen Platte mit Darstellung des hl. Franz von Assisi, als er die Stigmata empfängt, [Anfang des 16. Jahrhunderts]. Einbanddatenbank, p002821. URL: https://www.hist-einband.de/de/werkzeugdetails.html?entityID=p002821 (letzter Zugriff: 30.04.2026).
- Platte aus der Werkstatt Lukas Weischners mit Darstellung von Herzog Johann Friedrich I. von Sachsen (?) als König David, Jena, [benutzt 1599]. FB Gotha, Theol 4° 502/3, hinterer Deckel.
Abb. auf der Übersichtsseite: In Lackfarben bemalte Prägung mit Darstellung von König David. FB Gotha, Theol 4° 502/3, hinterer Deckel.

