GOTHA.digital

/ April 17, 2023

Neue Dimensionen für die Sammlungsforschung

Der Gothaer Friedenstein bietet mit seinen bedeutenden Handschriften, Archivalien, historischen Drucken, Karten und musealen Artefakten ein eindrucksvolles Sammlungsensemble europäischer Hof-, Gelehrten- und Wissenskultur.

Einst Teil der universal ausgerichteten Sammlungen des Herzoghauses Sachsen-Gotha-Altenburg bzw. Sachsen-Coburg und Gotha sind die historischen Materialien heute auf Archiv, Bibliothek und Museum verteilt. Der ursprüngliche Zusammenhang ist nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar. Ein Beispiel aus der Zeit Herzog Ernsts I. und seines Hofes mag dies verdeutlichen: Die zahlreichen Kunstkammerobjekte, seine private Büchersammlung, darunter seine persönliche Bibel, Verwaltungsakten oder historische Inventare werden in unterschiedlichen Institutionen bewahrt.

Die Forschungsbibliothek, die Stiftung Schloss Friedenstein, das Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Gotha sowie die wissenschaftlichen Institutionen am Standort Gotha erfassen und präsentieren ihre Erschließungsdaten, Objekte und Sammlungen in ganz unterschiedlichen themen- und materialspezifischen Datenbanken und Portalen. Das macht sammlungsübergreifendes Forschen mit dem Material, mithin die Rekonstruktion der Objekte und Sammlungen in ihren historischen Überlieferungskontexten und vielfältigen Sinnzusammenhängen und Referenzbezügen, aufwendig.

Doch der digitale Raum bietet völlig neue Möglichkeiten für eine übergreifende Sammlungsforschung: Daten, Objekte und Sammlungen können digital zusammengeführt und als historisches Zusammenhangsmaterial in ihren jeweiligen Provenienzkontexten erschlossen, rekonstruiert und erforscht werden. Dies ist essentiell für die zunehmend digitalen Forschungspraktiken, die einen effizienten und nachhaltigen Zugang zu möglichst global vernetzten digitalen Daten und Objekten erfordern. Dazu müssen diese digital transformiert und für verschiedene Nutzungsszenarien standardisiert aufbereitet, mit anderen Wissensquellen vernetzt, rekontextualisiert, kuratiert und vermittelt werden.

Mit GOTHA.digital steht am Standort Gotha ab sofort ein solcher integrierter digitaler Such-, Präsentations- und Forschungsraum für Wissenschaft und Öffentlichkeit zur Verfügung. Dies ist ein Meilenstein für die Sichtbarkeit, weltweite Zugänglichkeit, Vernetzung und Erforschung der Gothaer Sammlungen. Das modulare, erweiterbare Portal ist dem Open-Science-Gedanken verpflichtet und orientiert sich an den FAIR und CARE-Prinzipien: Die dort zugänglichen Forschungsdaten sind nach internationalen Standards auffindbar (findable), zugänglich (accessible), interoperabel (interoperable) und nachnutzbar (reusable) und sollen ethischen Aspekten im Umgang mit Forschungsdaten Rechnung tragen.

Abb. 1: Screenshot von der Startseite von GOTHA.digital

Das Portal basiert auf mehreren Säulen: einem Discovery-System für alle Gothaer Sammlungen mit einer institutions- und sammlungsübergreifenden Websuche, kuratierten Sammlungszugängen und einem modularen, digitalen Forschungsraum. Technisch setzt der SOLR-Suchindex auf der Systemarchitektur des Digitalen Kultur- und Wissensportals Thüringen (Kulthura) auf und entwickelt diese auf der Basis modernster Suchmaschinen- und Präsentationstechnologien weiter. Als kollaboratives Redaktionssystem dient das Content-Management-System Typo3. Nutzerinnen und Nutzer finden in dem Portal Daten und Digitalisate zu den historischen Originalen, weiterführende Literatur aus der Forschungsbibliothek Gotha und der Universitätsbibliothek Erfurt. Insgesamt können Nutzerinnen und Nutzer nach 2,4 Millionen Datensätzen und 1,7 Millionen Scans aus folgenden neun Datenbanken recherchieren:

  • Digitales Archiv des Landesarchivs Thüringen,
  • Digitale Bibliothek Thüringen – Open-Access-Repositorium,
  • Digitale Historische Bibliothek Erfurt/Gotha,
  • Imdas – die Museumsdatenbank,
  • K10plus – Bibliotheksdatenbank,
  • Kalliope – nationaler Verbundkatalog für Nachlässe und Autographen,
  • Journals@UrMEL – Periodikaportal,
  • Qalamos – Portal für orientalische Handschriften,
  • RISM – internationale Datenbank für Musikhandschriften und -drucke.

Darunter befinden sich Daten aus allein sieben Nachweissystemen, die von der Forschungsbibliothek auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene genutzt werden. Ein Schwerpunkt der Forschungsbibliothek beim Aufbau des Discovery-Systems von GOTHA.digital war daher die Konzeption von Datenmodellen und die Datenharmonisierung in Vorbereitung auf die Integration der Daten in den Suchindex. Hier waren und sind enge institutionenübergreifende Abstimmungen notwendig, um die Potenziale des digitalen Raums auszuschöpfen und semantische Datenvernetzungen und später auch gemeinsame Sammlungsvisualisierungen zu erreichen. Dies kann nur bei einer Verständigung auf die Verwendung von Normdaten bzw. kontrollierten Vokabularien sowie Linked Open Data gelingen.

Abb. 2 Anzeige des Strada-Bandes und weiterer Objekte aus der Kunstkammer Gotha

Beispielsweise sind mit dem normierten Schlagwort „Kunstkammer Gotha“ Kunstkammerobjekte und Objekte suchbar, die aus ihr hervorgegangen sind. Etwa die numismatische Handschrift von Jacopo Strada mit 220 Federzeichnungen, die Herzog Ernst I. 1654 von Georg Heberer aus Schweinfurt erworben hat. Sie gehörte zunächst zur Kunstkammer, während die Mehrzahl der Stradabände von den Sachsen-Weimarer Herzögen im Dreißigjährigen Krieg aus der Münchner Kunstkammer geraubt worden waren und über Weimar nach Gotha gelangt sind. Die Handschrift wurde im Rahmen des Strada-Projekts des Forschungszentrums Gotha, mit dem die Forschungsbibliothek kooperiert, erschlossen und digitalisiert. Dabei ermöglicht die Verschlagwortung eine Verknüpfung mit der Kunstkammer. Durch die automatische Anzeige ähnlicher Objekte unter der Objektanzeige können weitere Objekte der Kunstkammer erkundet werden.

Kuratierte Sammlungseinblicke wie auch digitale Ausstellungen, darunter die Ausstellung „Karten Wissen Meer“ des Forschungskollegs Transkulturelle Studien / Sammlung Perthes kontextualisieren die Daten und digitalen Objekte. Die von der Forschungsbibliothek konzipierte Ausstellungsplattform wurde dazu direkt in GOTHA.digital integriert. Die numismatischen Bestände auf dem Friedenstein stellen in ihrer Verbindung von Münzkabinett, das in seiner historischen Ge-staltung und Ausstattung in der Forschungsbibliothek erhalten ist, originalen Münzsammlungen, numismatischer Literatur und handschriftlicher Überlieferung einen deutschlandweit einzigartigen, historisch gewachsenen Sammlungszusammenhang dar. Mit dem Launch von GOTHA.digital präsentiert eine Storytelling-Anwendung die wechselvolle Geschichte des Münzkabinetts, seiner Münzen und Medaillen sowie heutige Methoden der Münzerschließung und -digitalisierung.

Abb. 3: Screenshot der Storytelling-Webapp „Geprägte Geschichte. Das Münzkabinett Gotha“

Einen übergreifenden Einblick in die sammlungsbezogenen Forschungsaktivitäten und Projekte aller Einrichtungen erhalten die Nutzerinnen und Nutzer ebenso wie einen gebündelten Zugang über die aus den Projekten hervorgegangenen Portale. Als Teil des Forschungsraums wird mit den Suchergebnissen bei digitalen Objekten der IIIF-Viewer Mirador angeboten. Das ist ein performantes Forschungswerkzeug mit einer besonders leistungsfähigen Zoomfunktion. Zudem können digitale Objekte aus verschiedenen Repositorien in der Arbeitsumgebung zusammengeführt, nebeneinandergelegt und analysiert werden. Digitale Objekte können annotiert werden. Weitere Funktionalitäten wie die Möglichkeit, eigene Kollektionen aufzubauen und dauerhaft zu speichern, sind mit einem Login möglich.

Insgesamt ermöglicht GOTHA.digital neue Sichten auf die Bestände und gewährt neue Forschungsimpulse für avancierte Verfahren der Digital Humanities. Das Portal ist offen für explorative Sammlungsvisualisierungen oder auch Anwendungen aus Kulturhackathons. Partizipative Projekte mit Citizen Scientists, Angebote für kreative Datenexperimente und hybrid gedachte Angebote zum Transfer der Sammlungen in Wissenschaft und Gesellschaft kommen hinzu.

Die Forschungsbibliothek Gotha hat das Projekt zum Aufbau von GOTHA.digital als innovative digitale Forschungsinfrastruktur initiiert und konzeptionell vorangetrieben. Vor zwei Jahren haben sich die Bibliothek, das Forschungszentrum Gotha, das Forschungskolleg Transkulturelle Studien / Sammlung Perthes der Universität Erfurt sowie die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha zusammengeschlossen, um das Portal mit Förderung des Thüringer Wissenschaftsministeriums zu entwickeln. Es wird konzeptionell und technisch mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena und der Verbundzentrale des GBV in Göttingen und umgesetzt. Die ThULB Jena gewährleistet die dauerhafte Systembetreuung sowie die Speicherung und Langzeitarchivierung der digitalen Daten und Digitalisate aus den verschiedenen Teilportalen. Die Digitalisierungsaktivitäten der Stiftung Schloss Friedenstein im Rahmen des BKM und EFRE-geförderten Projekts „Gotha transdigital 2027“ flankieren das Projekt und führen es weiter. Künftig wird die Stiftung das Portal zugleich als Plattform für ihre Online-Sammlung nutzen.

Im engen Dialog zwischen allen Akteurinnen und Akteuren aus den sammlungshaltenden und wissenschaftlichen Einrichtungen, den informationswissenschaftlichen Partnern sowie den Nutzerinnen und Nutzern wird das Portal nun weiter ausgestaltet. GOTHA.digital ist ein Prozess, der das weitere digitale Zusammenwachsen auf dem Friedenstein befördern wird. Ein wichtiger Baustein dafür ist die gemeinsame spartenübergreifende Verständigung über die jeweiligen Erschließungspraktiken mit den entsprechenden Datenmodellen bzw. Normdaten.

Neue Daten aus Archiv, Bibliothek, Forschungseinrichtungen und Museum werden kontinuierlich hinzukommen und die Wissensbasis von GOTHA.digital erweitern. So wird beispielsweise eine Einbindung des vom Forschungszentrum entwickelten und betreuten Factgrid, die Wikibase-Plattform für historische Daten, in GOTHA.digital ausgelotet. Auch Handschriften der Forschungsbibliothek, die im gerade im Aufbau befindlichen nationalen Handschriftenportal für mittelalterliche und frühneuzeitliche Buchhandschriften erfasst werden, können künftig ebenfalls in GOTHA.digital eingebunden und recherchiert werden. Eine englische Version von GOTHA.digital wird in den nächsten Monaten folgen. Darüber hinaus soll das Angebot des Portals weiter nutzerorientiert ausgebaut werden. Für diese Weiterentwicklungen wird die Beta-Version umfassend evaluiert.

Den Auftakt für die gemeinsame Weiterentwicklung des Portals bildet ein Workshop der Gothaer Einrichtungen mit ihren Partnern aus Jena und Göttingen, der den öffentlichen Launch am 17. April 2023 begleiten wird.

Hendrikje Carius

Hendrikje Carius ist promovierte Historikerin, Leiterin der Abteilung Benutzung und Digitale Bibliothek sowie stellvertretende Direktorin der Forschungsbibliothek Gotha.

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