Radiobeitrag zu einem prophetischen Traum des Gothaer Reformators Friedrich Myconius

Forschungsbibliothek Gotha/ Juli 8, 2020

Auf Antenne Thüringen wird am kommenden Samstagabend, den 11. Juli 2020, ein Interview mit Dr. Sascha Salatowsky (FB Gotha) zu hören sein. Hierbei geht es um einen Traum, den der Mönch Friedrich Myconius (1490–1546) am 14. Juli 1510 gleich in der ersten Nacht nach seinem Eintritt in das Franziskanerkloster in Annaberg hatte. Er konnte diesen Traum erst 1517 mit dem Beginn der Reformation in Wittenberg als eine Prophetie deuten. 1524 wurde Myconius Pfarrer in Gotha, der bis zu seinem Tod wesentlich zur Ausbreitung und Stabilisierung der lutherischen Reformation im Thüringer Land beigetragen hat.

Myconius träumte, er befinde sich in einer Wüste und würde bald vor Mattigkeit, Hunger und Durst sterben. Da begegnete ihm der Apostel Paulus, der sich seiner annahm. Er führte ihn zu einer Quelle, die aus Jesu Wunden gespeist wurde. Ein deutlicher Hinweis auf das spätere „Christus allein“ (solus Christus) der Reformation, wonach Christus der alleinige Heilsbringer sei. Nachdem Myconius diesen „allersüßesten Trank“ zu sich genommen hatte, war er gestärkt genug, um mit Paulus die Wanderung fortzusetzen. Dieser führte ihn weiter zu einem Feld, auf dem ein einsamer Schnitter das Korn erntete. Myconius wurde von Paulus angehalten, diesem Mann, der selbst wie Paulus aussah, bei der Ernte zu helfen. Die abschließende Botschaft des Apostels lautete: „Du musst Christum gleichförmig werden.“ Erst 1517 mit dem öffentlich sichtbaren Beginn der Reformation, der sich Myconius noch im Kloster in Annaberg sogleich angeschlossen hatte, fand er eine für ihn plausible Deutung des Traums: Auf dem Feld stand Martin Luther (1483–1546), mit dem er die neue Ernte der Reformation einzubringen hatte. Der Traum war also eine Prophetie auf das Kommen des Reformators, der zugleich Myconius‘ weiteren Lebensweg bestimmen sollte. Dieser Traum erlangte im Luthertum eine bedeutende Rezeptionsgeschichte, die bis weit ins 19. Jahrhundert reichte. Die Forschungsbibliothek Gotha besitzt zwei zeitgenössische Abschriften dieses Traumes in deutscher und lateinischer Sprache.

Das Interview von Andrea Terstappen, freie Journalistin für evangelische Radiobeiträge, wurde vor einiger Zeit mit Sascha Salatowsky geführt und wird nun anlässlich des 510. Jubiläums dieses Traumes ausgestrahlt.

Myconius Traum: Wie ein Thüringer Reformator von Luther träumt

Der Traum ist mehrmals veröffentlicht worden. Eine elektronische Fassung liegt in der Digitalen Historischen Bibliothek Erfurt/Gotha: https://archive.thulb.uni-jena.de/ufb/receive/ufb_cbu_00003890.

Für eine ausführlichere Beschreibung dieses Traumes vgl. Sascha Salatowsky: Der Traum des Friedrich Myconius. Prophetie vor der Reformation. In: Daniel Gehrt und Kathrin Paasch (Hg.): Friedrich Myconius (1490–1546). Vom Franziskaner zum Reformator. Stuttgart 2020, S. 245–259.

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