Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 39

Forschungsbibliothek Gotha/ März 16, 2022

Valentin Schmalz – ein Ketzer aus Gotha

Verfasser: Dr. Sascha Salatowsky, Forschungsbibliothek Gotha

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung
  2. Wer war Valentin Schmalz, und was machte ihn auch noch im 18. Jahrhundert so umstritten?
  3. Schmalz als polemischer Schriftsteller

1. Einleitung

Der aus Gotha stammende Theologe Valentin Schmalz (1572–1622) gehört zu den Vergessenen der Gelehrtengeschichte, obgleich er zu seiner Zeit durchaus bekannt war. Schmalz, an dessen 450. Geburtstag hier erinnert werden soll, kommt sogar die seltene „Ehre“ zu, auf einem Ketzerbaum verewigt zu sein, den der lutherische Theologe Georg Ludwig Oeder der Neuherausgabe des Rakower Katechismus im Jahre 1739 als Kupferstich vorangestellt hat.

Abb. 1: Georg Ludwig Oeder: Catechesis Racoviensis. Frankfurt 1739. FBG, Theol 8° 404/7, Kupferstich.

2. Wer war Valentin Schmalz, und was machte ihn auch noch im 18. Jahrhundert so umstritten?

Er wurde am 12. März 1572 als Sohn des angesehenen Juristen Nikolaus Schmalz geboren, der allerdings bereits 1575 verstarb. Vermutlich bis 1589 besuchte Valentin Schmalz das Gothaer Gymnasium unter den Rektoren Johannes Dinckel (1545–1601) und Johann Helder (1551–1625). Beide äußerten sich sehr widersprüchlich über ihren Schüler. Dinckel prophezeite: „Du wirst als ein anderer Luther hervorgehen“, und Helder: „Du wirst mal ein Übel für die Kirche sein.“ Beide lagen auf ihre Art nicht ganz falsch.

Nach Beendigung der Schule weilte Schmalz für längere Zeit in Leipzig und Wittenberg, wo er den Antitrinitarier Andreas Wojdowski (1565–1622) kennenlernte. Man darf davon ausgehen, dass Schmalz hier erste Anregungen für eine Neubewertung der hochspekulativen Trinitätslehre erhielt, auch wenn er sich noch nicht zum Antitrinitarismus bekannte. Davon zeugt ein Gedicht aus seiner Hand an den Juristen und Politiker Friedrich Felder († 1625), das sich unter glücklichen Umständen in Gotha erhalten hat. Das lateinische Gedicht trägt den Titel „Über das Leiden und den Tod Christi“1Eine vollständige Transkription, Übersetzung und ausführliche Beschreibung des Gedichts findet sich in Gehrke/Salatowsky 2017, S. 211f. und wird auf das Jahr 1591 datiert.

Abb. 2: Valentin Schmalz: De passione et morte Christi carmen. [Gotha] 1591. FBG, Chart. A 437, Bl. 2r.

Der auf allen vier Seiten umlaufende Satz „musa crucis Iesu memora nova carmina mecum“ (wörtlich: Durch die Muse sind mir neue Gedichte eingedenk des Kreuzes Christi) gibt zugleich auf der linken Seite den ersten Buchstaben einer jeden der 34 Verszeilen vor. In das Gedicht sind kunstvoll die Marterinstrumente der Lanze, des Kreuzes und des Dornenkranzes eingearbeitet, wobei die Intexte selbst2Lanze: „Diese Lanze stößt Christus und fügt ihm eine Wunde zu“; Kreuz (Schild): „Wir gehen als Christen“; Kreuz (Balken): „Die wahre Qual des Kreuzes Christi ist das Heilmittel der Frommen“; Dornenkranz: „Sieh, die Dornen des Königs der Könige sind uns …“ (letztes Wort unleserlich). wiederum ein Teil der Verszeilen sind. Das Gedicht enthält keine antitrinitarischen Gedanken, sondern ruft Jesus Christus als den Erlöser der Menschheit an, der durch seinen Tod die Schuld der Menschen gelöst hat.

Natürlich wusste man in Gotha und anderswo, was aus Valentin Schmalz wurde, und dies hat eine unbekannte Hand rechts oben auf dem Blatt nach dem Namen auch vermerkt: „Später Sozinianer“ („postea Sociniano“). Eine weitere Hand fügte noch einige bio-bibliographische Angaben hinzu, so z.B., dass Schmalz später Rektor und Prediger in Schmiegel, Lublin und Raków wurde, alle drei Zentren des Antitrinitarismus im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert, und dass er der Verfasser der deutschen Übersetzung des Rakower Katechismus (1605 zunächst in polnischer, 1608 in deutscher und 1609 in lateinischer Sprache) gewesen ist. Damit rückt Schmalz als gelehrter Schriftsteller in den Blick, der neben seinen Übersetzungen aus dem Polnischen vor allem durch seine polemischen Schriften wirkte.

3. Schmalz als polemischer Schriftsteller

1593 veröffentlichte Schmalz in Raków seine erste antitrinitarische Schrift: Warhafftige erklerung aus grundt der Heiligen schrifft/ von der Herren Jesu Christi Gottheit. Sie wurde 1608 in lateinischer Übersetzung unter dem Titel De divinitate Jesu Christi erneut publiziert.

Abb. 3: Valentin Schmalz: De divinitate Jesu Christi. Raków 1608. FBG, Theol 4° 541/1 (3), Titelblatt.

Das Gothaer Exemplar stammt wie alle anderen 15 Titel aus der Bibliotheca Gerhardina des Jenaer lutherischen Theologen Johann Gerhard (1582–1637). Diese Sammlung markiert die frühe Auseinandersetzung des Luthertums mit dem Sozinianer Schmalz, der neben dem Namensgeber dieser Bewegung, Fausto Sozzini (1539–1604), zum Hauptgegner avancierte. Worum ging es hier genauer? Die Antwort auf diese Frage führt tief in die komplexe Geschichte des Christentums zurück. Es ging vor allem um die Trinitätslehre, die Zwei-Naturen-Lehre Christi, die Rechtfertigungslehre, das Dogma von der Erbsünde und damit um alle zentralen Lehren des Christentums. Ihre Bestreitung durch die Sozinianer erschien den Katholiken und Protestanten gleichermaßen als schlimmste Häresie, die geradewegs in den Atheismus münde. Nicht ohne Grund waren einige Christen wie Michael Servetus (1509/11–1553) oder Johannes Sylvanus († 1572) für ihren Antitrinitarismus hingerichtet worden. Viel stand also auf dem Spiel. Dies sei in aller Kürze anhand der Polemik von Schmalz gegen die Trinitäts- und die Zwei-Naturen-Lehre Christi ausgeführt.

Die vermeintliche biblische Grundlage für beide Lehren bildeten in der Frühen Neuzeit vor allem Joh. 1,1-14 und 1. Joh. 5,7. Dort heißt es: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. […] Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Und hier ist zu lesen: „Drei sind es, die Zeugnis ablegen im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins.“ Die orthodoxen Konfessionen sahen in beiden Stellen die hinreichende Beschreibung der Wesenseinheit Gottes in den drei Personen des Gottvaters, des eingeborenen Sohnes Jesus Christus und des Hl. Geistes, also als Dreiheit (Trinität) in der Einheit, sowie der Beschreibung der Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater in alle Ewigkeit (Vereinigung beider Naturen in Christo). Allerdings muss hier sogleich hinzugefügt werden, dass es sich bei diesem berühmten Halbsatz „und diese drei sind eins“ (das sogenannte Comma Johanneum) um eine spätere Hinzufügung handelt, wie Erasmus von Rotterdam anhand des Vergleichs von verschiedenen Codizes bereits im frühen 16. Jahrhundert nachgewiesen hatte.

In seiner „Homiliae decem, supra Initium D. Iohannis“ (Zehn Predigten über den Anfang des Johannesevangeliums) von 1615 hat Schmalz gegen beide Lehren wie folgt polemisiert: „wir sind davon überzeugt, dass, selbst wenn die Schrift nicht nur einmal oder wiederholt, sondern genügend häufig und sehr deutlich herausstellen würde, dass Gott Mensch geworden ist, es [trotzdem] viel besser wäre – weil diese Sache so absurd ist, der gesunden Vernunft vollkommen widerstreitet und blasphemisch gegen Gott ist –, sich irgendeine Redeweise auszudenken […] als jene Sache so zu verstehen, wie die Worte lauten und so allen die hochheiligste Religion Jesu Christi der Lächerlichkeit preiszugeben.“3Schmalz 1615, c. VIII, S. 89. Und in einer anderen Schrift heißt es: „Ewig ist, der der Vater ist. Aber Christus ist nicht der Vater. Wo wird erwähnt, dass der Sohn ewig ist, nämlich vor der Zeit? Er ist geboren als Sohn Gottes, sterblich und auferstanden. Also ist er nicht von Ewigkeit.“4Schmalz 1614, disp. I, S. 12. Mit dieser Bibelphilologie, die sich zum einen am Wortlaut der Schrift orientierte, zum andern die Vernunft zum Richter umstrittener Schriftaussagen machte, öffnete Schmalz wie vor ihm Fausto Sozzini und nach ihm weitere Sozinianer wie Johannes Crellius (1590–1633) und Jonas Schlichting (1592–1661) die Tür für ein neues Bibelverständnis, das in der Frühaufklärung aufgenommen, transformiert und noch weiter radikalisiert wurde. Darüber hinaus ist Schmalz einer der ersten Theologen des 17. Jahrhunderts, der ein ethisches – und kein in erster Linie dogmatisches – Verständnis des Christentums beschrieb, das in der Nachfolge Christi die Vollendung des Menschseins erhoffte. Trotz neuerer Forschungen zu Valentin Schmalz – es sei vor allem auf die Studie von Kęstutis Daugirdas von 2016 verwiesen – bleibt er bis auf weiteres ein Vergessener der Gothaer Gelehrtengeschichte.

Hinweis: Vom 25. bis 27. Mai 2022 findet an der Forschungsbibliothek Gotha die internationale Tagung „A Philosophy of its own? Socinianism and Philosophy in the 17th and 18th Century“ statt. Die Tagung fragt nach den Eigentümlichkeiten dieser Philosophie sowie nach ihrer Rezeption und untergründigen Nachwirkung im 17. und 18. Jahrhundert. Ausgangspunkt ist dabei die Tatsache, dass viele bedeutende Philosophen der Aufklärung von John Locke über Gottfried Wilhelm Leibniz, Pierre Bayle und John Toland bis hin zu Joseph Priestley sich mit dem philosophischen Programm der Sozinianer beschäftigt haben – sei es auch nur über die Lektüre ihrer theologischen Schriften, in denen ihre Philosophie eingearbeitet war.

veröffentlicht 16. März 2022

Quellen

  • Valentin Schmalz: Homiliae Decem Supra Initium Cap: I. Evangelii D. Ioannis, habitae & scriptae Anno 1605. Raków 1615. FBG, Theol 4° 541/1 (4). Aus der Bibliotheca Gerhardina.
  • Valentin Schmalz: De divinitate Jesu Christi. Raków 1608. FBG, Theol 4° 541/1 (3). Aus der Bibliotheca Gerhardina.
  • Valentin Schmalz: Refutatio Thesium Wolfgangi Frantzii […] quas ibidem de praecipuis Christianae Religionis capitibus anno 1609, & 1610 disputandas proposuit. Raków 1614. FBG, Theol 4° 541/2 (8). Aus der Bibliotheca Gerhardina.

Forschungsliteratur

  • Kęstutis Daugirdas: Die Anfänge des Sozinianismus. Genese und Eindringen des historisch-ethischen Religionsmodells in den universitären Diskurs der Evangelischen in Europa. Göttingen 2016.
  • Otto Fock: Der Socinianismus nach seiner Stellung in der Gesammtentwicklung des christlichen Geistes, nach seinem historischen Verlauf und nach seinem Lehrbegriff. Kiel 1847. Nachdruck Aalen 1970.
  • Louisa-Dorothea Gehrke und Sascha Salatowsky: „Ein zukünftiger Antitrinitarier aus Gotha“, in: Sascha Salatowsky (Hrsg.): Im Kampf um die Seelen. Glauben im Thüringen der Frühen Neuzeit. Gotha 2017, S. 210–214.
  • Sascha Salatowsky: Die Philosophie der Sozinianer. Transformationen zwischen Renaissance-Aristotelismus und Frühaufklärung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2015.
  • Anselm Steiger (Hrsg.): Bibliotheca Gerhardina. Rekonstruktion der Gelehrten- und Leihbibliothek Johann Gerhards (1582 – 1637) und seines Sohnes Johann Ernst Gerhard (1621 – 1668). Zwei Teilbände. Stuttgart-Bad Cannstatt 2002.

Zitierhinweis

  • Bitte zitieren Sie wie folgt:
  • Salatowsky, S., Valentin Schmalz – ein Ketzer aus Gotha In: Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 39, Blog der Forschungsbibliothek Gotha (16.03.2022),https://blog-fbg.uni-erfurt.de/2022/03/notizen-aus-dem-gothaer-bibliotheksturm-folge-39, CC BY-SA 4.0
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