Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 5

Forschungsbibliothek Gotha/ April 20, 2020

Forschungsbibliothek Gotha katalogisiert Kirchenbibliotheken

Auch außerhalb Gothas gibt es in Thüringen viele historische Buchbestände, die Pflege und Beachtung verdienen. Die Forschungsbibliothek Gotha weiß um dieses Kulturgut und engagiert sich daher auch bei der Erschließung von historischen Buchbeständen in der Region. Seit 2017 läuft ein Projekt zur Erfassung und Katalogisierung sämtlicher historischer Kirchenbibliotheken im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen. Die Forschungsbibliothek stellt dabei die bibliothekarische Kompetenz in der Katalogisierung und den Arbeitsplatz zur Verfügung. Partner sind das Landeskirchenarchiv Eisenach, der Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Universität Jena mit Prof. Dr. Christoph Spehr sowie Prof. Dr. Thomas Wilhelmi von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Das Projekt wird von der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung finanziert.

In Gotha zur Katalogisierung aufgestellte Bände. © FB Gotha.

Dabei wird echte Pionierarbeit geleistet: deutschlandweit erstmalig werden flächendeckend Kirchenbibliotheken bis in die kleinsten Orte erfasst, und die komplette Katalogisierung ermöglicht einen neuen Blick auf die Entstehung der Sammlungen und die theologischen Interessen der Thüringer Pfarrer sowie ihrer Vorgesetzten. Weder die genaue Zahl der Bibliotheken noch die zu erwartenden Bestände waren anfänglich bekannt. Inzwischen wurden alle 86 Gemeinden bereist und 62 Bibliotheken mit Beständen vor 1850 ausfindig gemacht, deutlich mehr als zunächst vermutet. Die meisten sind inzwischen katalogisiert, bis zum Herbst sollen die verbleibenden folgen.

Die Ergebnisse sind spannend: Mehrheitlich wurden die ländlichen Bibliotheken wohl seit dem 17. Jahrhundert aufgebaut. Aus dieser Zeit stammen meist die ältesten Stücke mit datiertem Anschaffungsvermerk. Allerdings sind nicht selten auch deutlich ältere Drucke vorhanden, die bis in die Reformationszeit zurückreichen. Diese wurden üblicherweise aus zweiter Hand erworben, wie die zahlreichen Einträge von Vorbesitzern zeigen. Neben Deutsch dominiert Latein – die Landpfarrer hatten schließlich studiert und beherrschten die Bildungssprache ihrer Zeit. Lebendige Fremdsprachen kommen dagegen quasi nicht vor.

Als Bibliotheken im heutigen Sinne – mit öffentlichem Zugang und Ausleihmöglichkeit – dürfen historische Kirchenbibliotheken übrigens nicht verstanden werden. Sie waren zur Nutzung durch die Pfarrer und vermutlich auch die Lehrer der Dörfer bestimmt. Außerdem umfassten sie nur wenige, dafür häufig umfangreiche und großformatige Drucke: nur etwa jede zehnte Bibliothek umfasste mehr als 100 Drucke, fast drei Viertel waren Sammlungen von nur wenigen Dutzend Stücken aus der Zeit vor 1850.

Inhaltlich dominieren insbesondere Luthergesamtausgaben und andere Lutherschriften, exegetische Werke und Predigtsammlungen – sämtlich Literatur, die sich für die Predigtpraxis eignete oder eine eigene Ausarbeitung auch einmal ersetzen konnte. Daneben stehen die für die Gottesdienste notwendigen Altarbibeln, Kirchenordnungen und Gesangbücher. Aber auch eigentlich für den Privatgebrauch verfasste Erbauungsliteratur ist regelmäßig anzutreffen, ebenso Wörterbücher für Latein und Griechisch, letztere für die Arbeit am Originaltext der Bibel.
Es lassen sich sogar Profile der einzelnen Thüringer Fürstentümer anhand typischer Bücher erstellen. Das betrifft nicht nur die regionaltypischen Kirchenordnungen und Gesangbücher, sondern auch theologische Werke, von denen in jedem Fürstentum im Lauf der Jahre eine Handvoll auf Befehl der Konsistorien angeschafft wurden.

In den Schwarzburgischen Dörfern wurde z.B. in den 1740er Jahren die 24bändige Gesamtausgabe der Lutherwerke von Johann Georg Walch gekauft. Dagegen waren im Fürstentum Sachsen-Altenburg schon in den 1660er Jahren die Pfarrer mit der Altenburger Luthergesamtausgabe versorgt wurden. Besonders weit verbreitet war das Werk eines Autors, der mit Gotha eng verbunden ist: Veit Ludwig von Seckendorffs Reformationsgeschichte Commentarius Historicus Et Apologeticus De Lutheranismo wurde gleich bei Erscheinen in den 1690er Jahren auf Befehl der Konsistorien fast überall angeschafft. Seckendorffs Korrespondenz und Lebenszeugnisse werden ebenfalls gerade von der Forschungsbibliothek Gotha erschlossen (siehe Teil 1 der Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm).

Ein aufgefundenes Unikat: Gebetbuch aus Eisleben, um 1735. © FB Gotha

Unter den fast 3000 bisher katalogisierten Drucken sind auch einige Dutzend, die zum ersten Mal nachgewiesen werden konnten. Besonders schöne Funde sind eine bisher unbekannte Leipziger Ausgabe des Konkordienbuchs von 1580, eine Verordnung über die Durchführung des Jubiläums der Confessio Augustana 1730 in Schwarzburg-Sondershausen und eine Reihe von Kalenderheften aus dem 18. Jahrhundert. Auch in sehr kleinen Bibliotheken verbergen sich also Schätze, die es zu heben und für die Zukunft zu sichern gilt!

 

Verfasser: Dr. Christoph Nonnast, 16.4.2020

 

Literatur:
Thomas Wilhelmi: Baustellen der Forschung. Erschließung von Kirchenbibliotheken in Vorpommern, Mecklenburg und Nordthüringen. In: Johannes Block. Der pommersche Reformator und seine Bibliothek, hrsg. von Jürgen Geiß-Wunderlich und Volker Gummelt. Leipzig 2018 (Herbergen der Christenheit. Jahrbuch für deutsche Kirchengeschichte, Sonderband 22), S. 31–39.

Web:
https://www.thueringer-kirchenbibliotheken.de/

 

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