Notizen aus dem Gothaer Bibliotheksturm, Folge 4

Forschungsbibliothek Gotha/ April 10, 2020

Ostern als Jahreszeit des Weltuntergangs.
Postume Verwendungen von Martin Luthers Tischreden in akademischen Kontexten

Bereits im zweiten Jahrzehnt der Wittenberger Reformation entstanden die ersten Versuche, die Worte des europaweit bekannt gewordenen und als deutschen Propheten wahrgenommenen Theologieprofessors Martin Luther (1483–1546) zu sammeln und nachhaltig zu sichern. Das Ausmaß dieser Bemühungen nahm beispiellose Dimensionen an. Zum einen wurden seit Anfang der 1530er Jahre denkwürdige Gespräche am Tische des Reformators sowie Sprüche, Gedanken und Geschichten, die er auch in Vorlesungen, auf Reisen oder in anderen Situationen mündlich äußerte bzw. erzählte, von verschiedenen Personen mit privaten Verbindungen zu Luther in fortlaufenden Sammlungen schriftlich festgehalten. Diese werden heute allgemein als „Tischreden“ bezeichnet. Zum anderen entstand Mitte der 1530er Jahre in Wittenberg der Brauch, sinnreiche Kurztexte und Autographen von Luther und den anderen reformatorischen Akteuren auf leeren Blättern zu sammeln, die häufig vor und nach einer oder mehr Druckschriften zusammengebunden wurden. Daraus entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten die weit verbreitete Tradition der Stamm- bzw. Freundschaftsbücher. Schließlich beauftragte der sächsische Kurfürst Johann Friedrich I. (1503–1554) den Wittenberger Diakon Georg Rörer (1492–1557) 1537 mit der Aufzeichnung von Luthers Predigten und der Redaktion der ersten Gesamtausgabe von dessen Schriften. Dieses Projekt stellt den ersten großangelegten Versuch dar, Luthers theologisches Schaffen zu kanonisieren.
In den ersten Lutherausgaben wurden die Tischreden-Sammlungen, die viel Privates enthielten und von Luther niemals für eine Veröffentlichung autorisiert wurden, ausgeschlossen. Luthers letzter Sekretär, Johannes Aurifaber (1519–1575), gab jedoch 1566 aus eigener Initiative eine erste umfangreiche und stark redaktionell bearbeitete Sammlung in deutscher Sprache heraus.
Heute bewahrt die Forschungsbibliothek Gotha die weltweit umfangreichste und vielfältigste Sammlung von Luthers Tischreden. Durch die Tiefenerschließung des Kerns der frühneuzeitlichen Handschriftensammlung der Bibliothek in den vergangenen Jahren (siehe Kataloge und Kalliope-Portal unten) ist besonders deutlich geworden, dass die Tischreden Luthers auch nach dem Tod des Reformators 1546 und völlig unabhängig von Aurifabers Druckausgabe eine größere Rolle im akademischen Leben spielten.

Abb. 1: FB Gotha, Chart. B 493, Bl. 1r: Die Erwartung des Jüngsten Tags zu Ostern.

In der elfbändigen Sammlung von Mitschriften, Aufzeichnungen und Abschriften aus dem Studium des Gothaer Leibarztes Johann Mattenberg (1550–1631) befinden sich zum Beispiel einzelne Tischreden, die Anfang der 1570er Jahre in Wittenberg unter Studierenden zirkulierten und direkt für Lehrzwecke verwendet wurden. Einem Handschriftenband vorangestellt (FB Gotha, Chart. B 493, Bl. 1r) ist eine in zwölf Punkten gegliederte Begründung für die Annahme, dass der Jüngste Tag auf die Osterzeit eines künftigen Jahrs fallen werde:

 

 

 

De die extremo quando sit futurus
Sententia Lutheri et Philippi

1. Circa tempus paschæ mundus et homo conditus est.
2. Eodem tempore Abel à Cain interficitur Gen: 4.
3. Eodem tempore diluuium factum est ubi minus pluuia timetur.
4. Eodem tempore sunt subuersa Sodoma et Gomorrha et tota regio vero.
5. Eodem tempore immolatus est Jsaac Gen: 22.
6. Eodem tempore perijt pharao in rubro mari Exodi 14.
7. Eodem tempore filij Jsraël transgressi per Jordanem Jos: 5.
8. Eodem tempore Christus conceptus mortuus est et resurrexit et renouauit mundum.
9. Eodem tempore interfecit Helias sacerdotes Baal 1 Reg: 18.
10. Eodem tempore reges etiam procedent ad bella id est tempore pacis et spei post hyemem iam securo tunc ueniunt mala omnia igitur et hic ita erit.
11. Eodem tempore mutatur annus.
12. Sic extremus dies haud dubie circa illud tempus erit; ego habeo illam cogitationem illum diem uenturum esse post diem paschatis ubi est formosissimus annus et uerè manè oriente sole ut in incendio Sodomae et Gomorrhae nubiloso caelo et tonitrua futura esse et terrae motus per unam horam uel paulo diutius vnd wirdt plotzlich die welt vberfallen werden vnd manchen so seine gelt schulden nicht bezalt werden.

Freie deutsche Übersetzung:

Ansichten von [Martin] Luther und Philipp [Melanchthon] zum Zeitpunkt des Jüngsten Tages

1. Um die Osterzeit wurden die Welt und der Mensch erschaffen.
2. Um dieselbe Zeit wurde Abel von Kain ermordet (Genesis 4).
3. Um dieselbe Zeit kam die Sintflut, als kaum mit starken Regenfällen gerechnet wurde.
4. Um dieselbe Zeit gingen Sodom und Gomorrha und die ganze Gegend unter.
5 Um dieselbe Zeit wurde Isaak geopfert (Genesis 22).
6. Um dieselbe Zeit kam der Pharao im Roten Meer ums Leben (Exodus 14).
7. Um dieselbe Zeit überquerten die Söhne Israels den Jordan (Josua 5).
8. Um dieselbe Zeit ist Christus gezeugt, ist gestorben und auferstanden und hat die Welt erneuert.
9. Um dieselbe Zeit tötete Elias die Baalspriester (1 Könige 18).
10. Um dieselbe Zeit, d.h. zu einer Zeit des Friedens und der Hoffnung, die nach dem Winter eigentlich sicher ist, rücken die Könige zu Kriegen und dann folgen alle Übel, daher wird es auch dieses Mal so sein.
11. Um dieselbe Zeit ändert sich das Jahr.
12. So wird auch der Jüngste Tag zweifellos um jene Zeit sein; ich [d.h. Martin Luther] denke, dass jener Tag nach Ostern kommen wird, wenn das Jahr am prächtigsten ist, und zwar am Morgen bei Sonnenaufgang, wie beim Brand von Sodom und Gomorrha, bei bewölktem Himmel. Donner und Erdbeben wird es für eine Stunde oder länger geben. Und die Welt wird plötzlich überfallen werden und manchen werden ihre Geldschulden nicht zurückgezahlt werden.

Die Punkte 1, 3, 4, 6, 8 und 11 finden sich in der Tischrede Nr. 5686 der modernen Weimarer Lutherausgabe wieder. Die Überschrift lässt schließen, dass die übrigen Punkte 2, 5, 7, 9 und 10 vom Wittenberger Professor und bedeutenden europäischen Gelehrten Philipp Melanchthon (1497–1560) stammen. Angeführt werden zunächst neun biblisch-historische Ereignisse, die um die Osterzeit geschehen sein und den Jüngsten Tag präfigurieren sollen, wie etwa die Sinflut, die Zerstörung Sodom und Gomorrhas und die Opferung Isaaks. In den beiden folgenden Punkten wird darauf hingewiesen, dass häufig nach dem Winter Kriege geführt werden und dass der Ostertag als Neujahrsbeginn angesehen wird. Punkt 12 enthält schließlich die Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage zur Jahreszeit des Jüngsten Tages. Über das genaue Jahr wird nicht spekuliert.
Dieses Beispiel ist für den postumen akademischen Gebrauch von Luthers Tischreden in Wittenberg sehr aufschlussreich. Es zeigt, wie einzelne Gedanken aus ihrem ursprünglichen erzählerischen Kontext herausgelöst, in eine kompakte Form gebracht und schließlich mit ebenso bearbeiteten Äußerungen von Melanchthon vereint werden, um eine leicht einprägsame und gegliederte Argumentation für die Antwort auf eine spekulative theologische Frage zu erstellen. Im Anschluss an Punkt 12 geht jedoch dieser für den akademischen Lehr- bzw. Lerngebrauch gestaltete Text in die direkte Wiedergabe von anderen Teilen der bereits erwähnten Tischrede über. Die letzten Zeile sind deshalb nicht mehr in der dritten, sondern in der ersten Person geschrieben. Zudem weisen sie eine für die Tischreden typische Sprachmischung aus Latein und Deutsch auf. Auf diese Art und Weise besiegelt der Kompilator die Argumentation des Textes mit der autoritativen Stimme Luthers.

Verfasser: Dr. Daniel Gehrt

Literatur:

Katharina Bärenfänger, Volker Leppin und Stefan Michel (Hg.): Martin Luthers Tischreden. Neuansätze der Forschung. Tübingen 2013.
Katalog der Reformationshandschriften. Aus den Sammlungen der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’schen Stiftung für Kunst und Wissenschaft (Die Handschriften der Forschungsbibliothek Gotha 2). Beschrieben von Daniel Gehrt. Wiesbaden 2015.
Katalog der Handschriften aus den Nachlässen der Theologen Johann Gerhard (1582–1637) und Johann Ernst Gerhard (1621–1668). Aus den Sammlungen der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’schen Stiftung für Kunst und Wissenschaft (Die Handschriften der Forschungsbibliothek Gotha 3). Beschrieben von Daniel Gehrt unter Mitarbeit von Hendrikje Carius. Wiesbaden 2016.
Martin Luther: Werke. Kritische Gesamtausgabe. [Abt. 2]: Tischreden. 6 Bde. Weimar 1912–1921 (= WA TR).

Web:
Nachweis der Handschrift: kalliope-verbund

 

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